Kleingeld-Diskussion: Woran die Abschaffung der Ein- und Zwei-Cent-Münzen in Deutschland scheitert

euro cent DE shutterstock_68007541Für die einen ist es nur nerviger Ballast im Geldbeutel, für die anderen haben die bronzenen Münzen fast schon einen emotionalen Wert: Seit der Einführung des Euros wird über Sinn und Unsinn der Ein- und Zwei-Cent-Münzen gestritten.

Zuletzt wurden in der EU jährlich rund 3,6 Milliarden Stück davon produziert — einige Euro-Länder haben das Kleingeld jedoch schon auf eigene Faust abgeschafft. Die Partei Bündnis 90/ Die Grünen fordert jetzt, dass Deutschland es ihnen gleich tut.

Grüne wollen Kleingeld abschaffen

„Auch in Finnland und Irland prägt die dortige Zentralbank keine Ein- und Zwei-Cent Münzen mehr […]. Diesem Beispiel sollte sich die Deutsche Bundesbank anschließen“, sagte der stellvertretende Grünen-Fraktionschef Oliver Krischer der Saarbrücker Zeitung am Donnerstagabend. Ihm geht es vor allem um die Kosten für die Cent-Münzen. Die Herstellung sei „eine große Verschwendung an Geld, Metallen und Energie“.

Krischers Einschätzung beruht auf neuen Zahlen des Bundesfinanzministeriums, die die Behörde aufgrund einer Anfrage der Grünen veröffentlichte. Demnach seien für die Herstellung der Ein- und Zwei-Cent-Münzen in den vergangenen drei Jahren 416 Tonnen Kupfer und 7.026 Tonnen Stahl verbraucht worden. Nach Berechnungen von Krischer entstünden dem Staat jährliche Prägekosten von rund 20 Millionen Euro.

Unterstützung bekommt die Grüne auch von der SPD: „Aus Kostengründen und ökologischen Gründen wäre das sicher sinnvoll. Bei einer solchen Überlegung sollte man allerdings auch den emotionalen Wert berücksichtigen, den die Münzen für viele Menschen haben“, sagte der finanzpolitische Sprecher der SPD, Lothar Binde, zu Business Insider. 

Finanzministerium gibt sich zurückhaltend

Sowohl das Bundesfinanzministerium als auch die CDU/CSU geben sich bei dem Thema zurückhaltend und verweisen auf Nachfrage von Business Insider auf die Zuständigkeit der EU.

Dabei hätte die Bundesregierung durchaus Spielraum: Die Abschaffung bestimmter Münzen muss zwar auf europäischer Ebene beschlossen werden, dennoch können die Finanzminister der einzelnen Staaten sich entscheiden, eine freiwillige Rundungsregel für den nationalen Bargeldverkehr einzuführen, so wie etwa in Italien.

Bund verdient bei der Münzprägung mit

Einerseits lässt sich die Zurückhaltung bei der Kleingeld-Diskussion wohl auch damit erklären, dass der Bund nach Angaben der Deutschen Bundesbank jährlich immer noch einen Gewinn von mehr als 300 Millionen Euro mit der Münzprägung erzielt. Andererseits wird von vielen Seiten auch befürchtet, dass eine Rundungsregel zu Preissteigerungen und Inflation führen könnte. 

Frank Horst, Analyst beim Handelsforschungsinstituts EHI Retail Institute, hält diese Angst jedoch für unbegründet. „Eine Rundungsregel hätte kaum wirtschaftliche Auswirkungen, weder auf den Handel noch auf das Preisniveau“, sagt er zu Business Insider.

Unternehmen wollen an 99-Cent-Preisen festhalten

Im Auftrag der Bundesbank hat das EHI schon im Jahr 2016 Handelsunternehmen befragt und knapp 70.000 Kassenbons analysiert. Das Ergebnis der Münzgeldstudie: Die Unternehmen würden voraussichtlich auch bei einer Rundungsregel auf die 99-Cent-Preise beharren, da sie von dem psychologischen Effekt profitieren.

Für die Verbraucher bedeute das aber nicht, dass er beim Runden automatisch drauf zahle, da die meisten Unternehmen sich für das sogenannte kaufmännische Runden aussprechen. Dabei wird die Bonsumme auf Fünf-Cent-Beträge auf- oder abgerundet.

47 Prozent der Deutschen sind für Rundungsregel

Auch wenn sich nach den Erkenntnissen des EHI mit der Rundungsregel angeblich kaum etwas für die Wirtschaft verändert, findet die Kleingeld-Abschaffung offenbar wenig Unterstützer aus der Politik.

Die Deutsche Bundesbank, die die Münzen in den Umlauf bringt, beruft sich in der Diskussion auf den Willen des Verbrauchers. „Wir sind da neutral und überlassen die Entscheidung den Verbrauchern und dem Handel“, sagte ein Sprecher der Bundesbank zu Business Insider und verwies auf die letzte Zahlungsverhaltensstudie der Behörde von 2017. Die Mehrheit der Deutschen wünsche sich demnach, dass im Umgang mit Bargeld alles so bleibt, wie es ist.

Ganz plausibel ist dieser Verweis auf den vermeintlichen Willen des Verbrauchers allerdings nicht, denn in der Studie steht auch: 47 Prozent der Deutschen würden eine Rundungsregel befürworten, wohingegen nur 36 Prozent sich klar dagegen aussprechen. Damit schwinden die Vorbehalte, denn bei der Befragung im Jahr 2011 waren noch 48 Prozent der Befragten gegen das Runden.

Das könnte euch auch interessieren:

 Ökonomen der Bank von Kanada machen einen radikalen Vorschlag: Sie wollen Bargeld komplett abschaffen

 Ein Test zur teilweisen Bargeld-Abschaffung in Deutschland ist deutlich gescheitert

 „Widerspricht jeglicher Vernunft“: Ein Experte erklärt, warum die Deutschen so sehr am Bargeld hängen

Join the conversation about this story »

• Weiterlesen •