Warum Sprachassistenten niemals das Smartphone ersetzen werden

smart speaker smartphone„Sprachassistenten sind die Benutzeroberfläche der Zukunft.“ „Bis 2020 werden 50 Prozent der Suchanfragen im Internet über Sprachtechnologie laufen.“ „Sprachassistenten könnten über kurz oder lang das Smartphone ersetzen.“ Solche Prognosen finden sich seit geraumer Zeit zuhauf in Studien und Medienbeiträgen. 

So gibt es etwa Spekulationen, dass wir in Zukunft nur noch mit kabellosen Kopfhörern unterwegs sein könnten, die mit einem Sprachassistenten ausgestattet wären. Doch wie zukunftsträchtig ist Sprachtechnologie, Voice Technology oder kurz Voice wirklich? Haben Alexa, Siri und Co. tatsächlich das Potential, das Smartphone abzulösen und zur wichtigsten Benutzeroberfläche zu werden?

Zumindest die Verkaufszahlen von Amazons intelligentem Lautsprecher Echo sowie die Zahl der Geräte, auf denen andere führende Sprachassistenten installiert sind, weisen in diese Richtung. Informationen des Techportals „The Verge“ zufolge hat Amazon Stand Januar 2019 insgesamt hundert Millionen Geräte verkauft, die mit Alexa ausgestattet sind – allen voran seine eigene Lautsprecherreihe Echo. Über 150 Produkte haben inzwischen Alexa an Bord, mehr als 28.000 Smarthome-Geräte sind mit der intelligenten Sprachassistentin kompatibel. Die Zahl der Alexa-Skills, also der speziellen Funktionen der künstlichen Intelligenz, wie etwa ein verlorenes Smartphone wiederzufinden, das Fernsehprogramm vorzulesen oder die Tagesschau abzuspielen beläuft sich mittlerweile auf 70.000.

Ganz ähnlich sieht es auch beim großen Konkurrenten Google Assistant aus. Auf der CES in Las Vegas verkündete das Unternehmen, es rechne damit, dass der Sprachassistent bis Ende Januar auf einer Milliarde Geräte präsent sein wird – im vergangenen Mai waren es noch 500 Millionen. Den größten Anteil der Geräte stellen dabei aber Android-Smartphones, auf denen der Google Assistant vorinstalliert ist. Ob der Sprachassistent auch wirklich genutzt wird, ist also nicht gesagt. Konkrete Nutzerzahlen teilt Google nicht mit, lediglich, dass sich die globalen Nutzer im vergangenen Jahr vervierfacht haben. Der Durchbruch der Sprachassistenten ist also nicht mehr aufzuhalten, oder doch?

62 Prozent der deutschen Nutzer haben Bedenken, Sprachassistenten zu nutzen

Sprachassistenten Bedenken

Ein etwas anderes Bild zeigt sich in aktuellen Umfragen zur Nutzung von Sprachassistenten. Laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens Convios-Consulting verwenden zwar bereits 20 Prozent deutscher Internetnutzer einen digitalen Sprachassistenten und ebenso viele planen dies noch zu tun.

Allerdings verzichten 56 Prozent der Befragten auf die intelligenten Helfer und wollen sie auch in Zukunft nicht verwenden – ganze 62 Prozent haben Bedenken, Sprachassistenten zu verwenden. Fragt man nach den Gründen für die Zurückhaltung, gibt ein Drittel an, sie hätten Befürchtungen, dass ihre private Kommunikation permanent überwacht, mitgehört und gespeichert werde.  

Auch bei der mobilen Nutzung sind die Zahlen alles andere als vielversprechend: 81 Prozent der Befragten nutzen Sprachassistenten vor allem zuhause, 23 Prozent nur, wenn sie dabei alleine sind. 66 Prozent finden es unhöflich und 70 Prozent sogar störend, wenn jemand in der Öffentlichkeit mit seinem Sprachassistenten spricht.  

Die Studienergebnisse verwundern nicht, haben Sprachassistenten doch starke Begrenzungen im Vergleich zu visuellen Bedienoberflächen. Das Lesen von Texten etwa ist wesentlich schneller und einfacher, als sie zu hören, Bilder können über Stimmtechnologie ebenfalls nicht dargestellt werden. Will ein Nutzer etwa einen Wikipedia-Artikel überfliegen, wird er wohl kaum die Geduld aufbringen, sich den Text von Alexa vorlesen zu lassen.  

„Okay Google, rufe meinen Frauenarzt an“

Sprachassistenten in der Öffentlichkeit

Ein weiteres Problem ist die Störung von Passanten an öffentlichen Orten wie Zügen oder Cafés. Man stelle sich vor, ein gesamtes Zugabteil spricht lautstark mit seinem Sprachassistenten, anstatt auf dem Smartphone oder Tablet zu wischen. Der Lärmpegel wäre unerträglich. Auch das Preisgeben sensitiver und persönlicher Informationen in der Öffentlichkeit ist ein großes Manko von Sprachassistenten. Wer möchte schon gerne vor anderen sagen, „Okay Google, rufe meinen Frauenarzt an“, oder „Hey Siri, bitte zeige mir das nächste Foto auf Tinder.“

Dem stimmt auch Ralf Wiesmann, Experte für Digital Commerce bei der Unternehmensberatung Accenture Interactive, zu: „Eine vollständige Verdrängung von Smartphones und Apps durch Sprachassistenten ist nach heutigem Stand nicht zu erwarten. Zum einen muss sich die Spracherkennung noch immer deutlich verbessern, etwa beim Verstehen von Dialekten. Doch selbst wenn technologische Hürden genommen sind, bleiben sensible Themen wie Sprache im öffentlichen Raum – niemand will in der U-Bahn vertrauliche Daten mit einem Sprachassistenten austauschen.“      

Niemand will in der U-Bahn vertrauliche Daten mit einem Sprachassistenten austauschen.“      

Wofür werden Sprachassistenten derzeit in Deutschland verwendet? Laut Convios-Consulting hören 52 Prozent der Befragten Musik über die Technologie, aktuelle Nachrichten sowie Wetter- und Verkehrsmeldungen werden von 40 Prozent über Sprachassistenten abgerufen. 29 Prozent nutzen die sprechenden Helfer für die Websuche, 26 Prozent wiederum, um Funktionen im Smarthome wie Lampen oder die Heizung zu steuern.  

Doch waren Alexa und die Echolautsprecher nicht einmal dazu gedacht, die Online-Verkäufe von Amazon anzukurbeln? Sollte Alexa nicht zum zentralen Hub in der Wohnung werden, über den der Kunde ganz bequem alles bestellen kann, was der Online-Riese auf seiner Seite anbietet. Die Strategie dürfte bislang nicht aufgegangen sein. Selbst in den Sprachtechnologie-affinen USA besagen die meisten Umfragen, dass nur rund 20 Prozent der Besitzer von intelligenten Lautsprechern ihr Gerät jemals zum Online-Shopping eingesetzt haben. Nur zehn Prozent kaufen regelmäßig über Echo und Co. ein.

Zwei Prozent aller Alexa-Nutzer haben jemals mit der Sprachassistentin eingekauft

Top Anwendungen Sprachassistenten

Noch ernüchternder sind die Zahlen von Amazon selbst. Wie zwei Unternehmensinsider dem Technologieportal „The Information“ mitteilten, haben im ersten Halbjahr 2018 nur rund zwei Prozent der Alexa-Nutzer jemals mit der Amazon-Sprachassistentin eingekauft. „Voice Shopping ist eindeutig noch nicht auf dem Massenmarkt angekommen“, so die Quelle.

Und auch bei Google zeigt man sich nicht überzeugt vom Einkaufen per Sprachassistent: „Ich glaube, Shopping ist immer noch im Anfangsstadium“, erklärt Micah Collins, Google Director of Product und Management, gegenüber dem Techblog „Recode“. „Einkaufen ist vorrangig ein visuelles und taktiles Erlebnis.“

„Einkaufen ist vorrangig ein visuelles und taktiles Erlebnis.“

So lässt sich auch erklären, dass die neuesten Modelle intelligenter Lautsprecher wie der Google Homehub, der Echo Show sowie Facebooks Portal alle über einen Bildschirm verfügen.         

„Sprachassistenten sind dann von Vorteil, wenn es sich um standardisierte Einkäufe handelt, wenn ich etwa bei meinem bevorzugten Einzelhändler Basics wie Shampoo fürs Bad oder Grundnahrungsmittel für die Küche bestellen will“, erklärt Wiesmann von Accenture. „Bei komplexeren Produkten geraten sie jedoch an ihre Grenzen, da es schwer ist, sowohl Such- als auch Auswahlprozess allein über Sprache abzubilden. Das wird sich auch in Zukunft nicht grundsätzlich ändern.

In diese große Lücke stoßen deutlich geeignetere Messaging-basierte Lösungen wie der Apple Business Chat. Eine weitere Hürde bei der Durchsetzung von Sprachassistenten ist emotional: Viele Konsumenten haben Angst, ihre Spracheingaben könnten falsch verstanden werden – speziell mit Blick auf Zahlungsdaten.“   

Diese Meinung teilt auch Nikolas Beutin von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC: „Bei Gegenständen des täglichen Bedarfs sehe ich sehr großes Potential für Voice-Shopping. Wenn ich etwa Feuerholz für meinen Kamin nachbestellen will, ist es wesentlich einfacher, Alexa kurz Bescheid zu geben und die Lieferung dann bequem praktisch verpackt und sauber an die Haustür zu bekommen, anstatt extra ins Auto zu steigen und in den nächsten Baumarkt zu fahren und alles selbst zu tragen. Kunden- und Zahlungsdaten sind bei Alexa bereits hinterlegt, alles was ich tun muss, ist zu bestellen.

Ähnliches gilt für den Geschäftskundenbereich. Auf der Baustelle etwa ist es wesentlich effizienter, ständig wiederkehrende Bestellungen wie Gipskartonplatten, Dämmstoffe, Schrauben oder Nägel per Sprachbefehl zu ordern, als umständlich ein Formular am Bildschirm auszufüllen.“  

Rund 13 Prozent aller Google-Suchanfragen laufen derzeit über Sprachassistenten 

Portal von FacebookAuch die Suche über Sprachassistenten im Internet hat konzeptuelle Grenzen. Für Fragen mit einer definitiven Antwort wie „Wie ist das Wetter heute?“ oder „Wieviel kostet das neue iPhone bei Mediamarkt?“ ist die Technologie gut geeignet — um anhand von Suchergebnissen durchs Netz zu surfen, eignet sie sich deutlich weniger.

Suchmaschinen haben es überhaupt erst ermöglicht, das Internet zu navigieren, in dem sie die relevanten Webseiten zu bestimmten Schlagwörtern in einer Liste anzeigen, schreibt Rebecca Sentance vom Fachportal „The Econsultancy“. Wie aber funktioniert Sprachsuche aktuell: „Sie antwortet auf eine Nutzeranfrage mit einem einzigen eindeutigen Ergebnis. Es ist möglich, auf Basis dieses Ergebnisses weiter zu suchen oder eine Aktion zu tätigen (zum Beispiel eine Pizza zu bestellen, ein Rezept anzuhören oder sich den Weg zeigen zu lassen), aber abgesehen davon, ist die Voice-Reise zu Ende. Die Suche per Sprache müsste sich also grundlegend ändern, etwa indem der Sprachassistent Ergebnisse vorliest – zweifelhaft, ob die Internetsuche der Zukunft so aussehen wird.        

Auch die Zahlen zur Sprachsuche sind weit von aktuellen Prognosen entfernt. Berechnungen von „The Econsultancy“ auf Grundlage von Google-Zahlen zeigen, dass Mitte 2018 gerade einmal rund 13 Prozent aller Suchanfragen über Sprachassistenten erfolgten. Das sind rund 450 Millionen Suchanfragen pro Tag. Damit sich die Prognose von 50 Prozent der Google-Suchen per Sprachassistent bis 2020 erfüllt, müsste sich die Zahl innerhalb von zwei Jahren auf 1,3 Milliarden pro Tag erhöhen, rechnet „The Econsultancy“ vor.

Sprachassisten eigenen sich besonders für das Smart Home und das Auto

amazon echo showMarkus Berger-de León, Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey & Company, sieht insbesondere zwei stark wachsende Anwendungsfelder für Sprachassistenten – das Smart Home und das Auto: „Sitze ich in der U-Bahn, verzichte ich aus Rücksicht auf meine Mitmenschen lieber auf Voice-Search. Fahre ich hingegen Auto, wird die Sprachsuche sogar sicherheitsrelevant. Als Autofahrer muss ich mich auf den Verkehr konzentrieren und darf nicht parallel mein Smartphone bedienen. Oder ich bin in der Küche und habe die Hände im Teig. Muss ich dann die nächste Zutat abfragen, ist der Sprachassistent deutlich hilfreicher als ein Display.

Beutin von PwC kommt zu dem Schluss: „Sprachassistenten werden das Smartphone nicht ersetzen. Dafür haben Handys zu viele Funktionen, die eine Sprachtechnologie nicht bietet, wie etwa die Kamera oder die Möglichkeit, Bilder und Videos darzustellen und zu sehen.“

Sprachassistenten würden aber das Nutzerverhalten sehr stark erweitern. „Etwa wenn ich beispielsweise ein interessantes Produkt auf meinem Smart-TV sehe und meinem Sprachassistenten dann einfach mitteile: ,Bitte bestellen!‘ Beim Einkauf komplexer Produkte bin ich jedoch der festen Überzeugung, dass es ein komplementäres Display für visuelle Eindrücke braucht.“ 

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