„Technisch unmöglich“: Huawei-Technikchef bezeichnet Spionage-Vorwürfe im Interview als absurd

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Der Ausbau des Mobilfunknetzes in Deutschland wird zunehmend zu einer globalen Wirtschaftsschlacht. Im Mittelpunkt steht dabei der umstrittene chinesische Technologiekonzern Huawei, der als erfahrenster und günstigster Ausstatter beim Ausbau des 5G-Mobilfunknetzes gilt. Viele Staaten — allen voran die USA — befürchten jedoch, dass die Regierung in Peking Daten mit Hilfe der Huawei-Technik anzapft. Der Spionage-Vorwurf gegen den Konzern beschäftigt inzwischen sogar die Kanzlerin.

„Das sind alles Hirngespinste“, sagt Walter Haas, Technikvorstand bei Huawei Deutschland, im Interview mit Business Insider Deutschland. Er beklagt, dass die aktuelle Debatte um Huawei von „Pseudo-Experten“ geführt werde. Dahinter steckten wirtschaftspolitische Interessen, so Haas.

Business Insider: Wie würde es technisch funktionieren, Nutzerdaten abzusaugen?

Walter Haas: „Wenn Netzbetreiber per Gesetz dazu verpflichtet werden, ist das möglich. In Deutschland gibt es zum Beispiel das G10-Gesetz, nach dem die Netzbetreiber auf richterliche Anordnung hin Abhörmaßnahmen realisieren müssen. So etwas ist Standard in fast allen Ländern.

Klar ist aber: Techniker, die verstehen, wie Telekommunikationsnetze funktionieren, schütteln bei dieser Debatte nur mit dem Kopf. Als Lieferant kommen wir ohne spezielle Genehmigung durch den Netzbetreiber nicht an unsere Komponenten heran. Das ist nicht Huawei-spezifisch, das ist bei allen Herstellern so. Da ein übliches Telekommunikationsnetz aus Komponenten von mindestens einem Dutzend verschiedener Hersteller besteht, ist die Angelegenheit äußerst kompliziert.“

BI: Wie sähe das in der Praxis aus?

Haas: „Um Terabytes an Daten zu verarbeiten, brauchen wir riesengroße Maschinen, die Tausende Kilowatt Strom verbrauchen. Wenn man dort wirklich Daten abgreifen wollte, dann müsste man ähnlich große Komponenten aufbauen, die Schnittstellen zu den existierenden haben und einen Stromverbrauch generieren, der jedem Hausmeister auffallen würde. Jeder Techniker weiß, dass das so nicht funktioniert.

Wenn man derartige Daten dann auch noch außer Landes schaffen wollte, bräuchte man die dicksten Kabel, die es derzeit gibt noch ein zweites Mal parallel. Und das alles soll keinem auffallen? Das sind alles Hirngespinste.“

BI: Gibt es andere Möglichkeiten, ohne die Daten abzuleiten?

Haas: „Dazu bräuchte man ein größeres Rechenzentrum in den Hochsicherheitszonen der Netzbetreiber, das Daten vor Ort analysiert — ohne dass es irgendjemandem auffällt. Das ist salopp gesagt Schmarrn. Seit Edward Snowden wissen wir zwar, dass bestimmte Maßnahmen auch durch das Internet ergriffen werden können. Das funktioniert in dieser Größenordnung jedoch nur, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen stimmen: Dazu muss jemand den Zugang ermöglichen und entsprechendes Equipment in großem Stil vorhanden sein. Aber das funktioniert nicht in nationalen Netzen, die ja nicht das Internet sind, und schon gar nicht unbemerkt. Von daher handelt es sich um eine realitätsferne Diskussion.“

BI: Wenn es technisch unrealistisch ist, wieso gibt es dann überhaupt eine Debatte um Huawei?

Haas: „Weil sich überwiegend Pseudo-Experten zu Wort melden. Ich habe mit etlichen echten Experten gesprochen, die sich an dieser Diskussion nicht beteiligen wollen, weil es ihnen zu stumpfsinnig ist. Die verstehen gar nicht, wie man so debattieren kann.“

BI: Experten des BND haben den Auswärtigen Ausschuss im Bundestag vor Huawei gewarnt. Sind das aus Ihrer Sicht auch Pseudo-Experten?

Haas: „Es hat sich bisher jedenfalls kaum jemand damit beschäftigt, wie ein Telekommunikationsnetz aufgebaut ist, wie die Architekturen sind und wie Sicherheitskonzepte aussehen.“

BI: Auch beim BND nicht?

Haas: „Davon gehe ich aus. Die jüngsten Aussagen aus dieser Richtung sind generellen Bedenken gegenüber China geschuldet.“

BI: Was vermuten Sie hinter der Diskussion?

Haas: „Für mich ist die aktuelle Debatte ein Stellvertreterthema. Dahinter stehen wirtschaftspolitische Interessen, aus unserer Sicht auch eine Abschottung des US-Marktes und die geopolitische Frage nach der Technologieführerschaft der Zukunft, bei der Huawei für viele gleichbedeutend mit der Strategie Chinas zu sein scheint.“

BI: Können Sie garantieren, dass Huawei keine Daten an chinesische Behörden weitergibt?

Haas: „Abgesehen davon, dass es technisch praktisch unmöglich ist, gibt es auch kein entsprechendes Gesetz, das uns dazu verpflichtet. Das haben wir durch zwei unabhängige Rechtsgutachten von einer chinesischen und einer britischen Anwaltskanzlei prüfen lassen. Bisher hat niemand diese Forderung gestellt. Und sollte jemand die Herausgabe von Daten einfordern, werden wir das klar ablehnen.“

BI: Noch mag es kein solches Gesetz in China geben, das Huawei zur Datenherausgabe verpflichtet. Das kann sich allerdings auch schnell ändern.

Haas: „Dass die Gesetzeslage in China so bleibt, können wir nicht garantieren. Wir können nur unsere Position garantieren: Wir werden uns auf keinen Fall irgendwelchen Forderungen beugen.“

BI: Wie wollen Sie eigentlich das Vertrauen der deutschen Verbraucher zurückgewinnen? Die jüngste Kritik dürfte Huawei zugesetzt haben.

Haas: „Die Frage stellen wir uns auch jeden Tag. Wir haben bei unseren Kunden, den Netzbetreibern, weiterhin eine solide Vertrauensbasis. Bei den Endnutzern hat sich bislang noch keine Auswirkung auf unser Geschäft gezeigt. Wir standen noch nie so im öffentlichen Fokus, daher wollen wir nun eine Transparenzoffensive starten. Wir wissen, dass viele Menschen jetzt wissen wollen, was Huawei eigentlich für ein Unternehmen ist, wie es tickt und wie chinesisch es ist.“

Der chinesische Präsident gemeinsam mit Huawei Chef Ren Zhengei in London, Oktober 2015.

BI: Nachdem Australien Huawei vom Netzausbau ausgeschlossen hatte, hatte das Land Schwierigkeiten bei der Auslieferung von Kohle nach China. Dahinter wird eine Racheaktion vermutet — sind Staat und Konzern wirklich getrennt zu betrachten?

Haas: „Ich kann nicht beurteilen, was dort passiert. Wir sehen eine Intervention der chinesischen Regierung nicht als Instrument, das uns helfen könnte.“

BI: Wie blicken Sie auf die Entwicklungen in China, wo die Staatszensur zunimmt und der Staat einen ausgeklügelten Überwachungs- und Verfolgungsapparat aufbaut? Ihrer geplanten Vertrauens-Offensive dürfte das nicht gerade nutzen.

Haas: „Als Unternehmen halten wir uns in der Beurteilung solcher Fragen grundsätzlich zurück. Persönlich würde ich sagen, dass es nicht nützlich ist.“

BI: Das ist nett formuliert …

Haas: „Wir sind für einen offenen, transparenten Handel und für einen fairen Wettbewerb. Staatseingriffe und Lenkung sind uns zuwider. Wir sind ein privates, unabhängiges Unternehmen und genau so wenig wie Apple und Microsoft für Donald Trump verantwortlich sind, sind wir nicht für Xi Jinpings Politik verantwortlich.“

BI: Nicht jeder Nutzer wird das so scharf trennen können.

Haas: „Wir sind ein normales, wirtschaftlich getriebenes Unternehmen und wollen mit der Politik so wenig wie möglich zu tun haben. Politik als Rahmenbedingung für die Märkte ist in Ordnung. Aber strategische und geopolitische Dinge, die auf das Unternehmen einwirken, sind uns von keiner Seite willkommen.“

BI: Die deutsche Regierung befindet sich nach den jüngsten Drohungen aus Washington in einem Dilemma: Sie muss womöglich entweder auf Geheimdienstinformationen aus den USA verzichten oder beim Netzausbau weiter auf Huawei setzen. Was spricht dafür, sich für Huawei und gegen US-Geheimdienstinformationen zu entscheiden?

Haas: „Das müssen Sie die Bundesregierung fragen.“

BI: Welche Argumente sprechen aus Ihrer Sicht für Huawei?

Haas: „Es ist nicht rechtens, ein Unternehmen zu blocken und politisch zu benutzen. Die Vereinigten Staaten können keinen kausal zusammenhängenden Beweis auf den Tisch legen. Altkanzler Gerhard Schröder hat richtigerweise von einer ‚unverfrorenen Erpressung‘ gesprochen. Die Bundesregierung muss sich gut überlegen, ob sie sich so etwas gefallen lässt.“

BI: Wenn Huawei-Technologie Spionage-gefährdet wäre, was hieße das für Unternehmen wie Telekom, Vodafone oder Telefonica, die Technik von Huawei nutzen?

Haas: „Das würden die Unternehmen merken. Es ist Branchenstandard, dass Veränderungen und Korrekturen am Netz nach dem Vier-Augen-Prinzip erfolgen. Zudem werden derartige Netze von der Technologie spezieller Sicherheitsunternehmen überwacht. Es ist definitiv nicht möglich, relevante Datensätze aus einem Netz unbemerkt zu entfernen.

Zum Vergleich: Wenn Sie die Hälfte des Wassers aus dem Rhein zwischen Köln und Düsseldorf ableiten wollten, bräuchten Sie ein Flussbett, das mindestens halb so groß ist wie der Rhein. Das ist unmöglich aufzubauen, ohne dass es jemandem auffallen würde.“

BI: Wie ist das Verhältnis von Huawei zu den großen Netzbetreibern Telekom, Vodafone und Telefónica?

Haas: „Das ist über viele Jahre gewachsen. Zu Beginn konnte man noch eine gewisse Vorsicht wahrnehmen, inzwischen besteht aber ein umfassendes Vertrauen.“

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