„Kritiker werden als Unkraut definiert“: Wie Erdogan die türkische Bevölkerung mit versteckten Botschaften beeinflusst

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wird laut Türkei-Experte Udo Steinbach alles daran setzen, dass die AKP die Neuwahlen in Istanbul gewinnt.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kontrolliert einen Großteil der türkische Medien, um seine Macht auszubauen und zu erhalten. Dazu zählen zunehmend auch Filme und Serien, die Erdogan instrumentalisiert, um indirekt auf aktuelle politische Entwicklungen zu reagieren.

„Diese Strategie ist sehr effektiv, da in der Türkei Filme und Serien stark konsumiert werden“, sagte Gülistan Gürbey, Politik- und Sozialwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin und Türkei-Expertin, im Gespräch mit Business Insider. Das Fernsehen sei ein wichtiges Medium in der Türkei. „Es werden ideologisch unterfütterte Serien und Filme produziert und gesendet“, so die Expertin.

Erdogan verbreitet politische Botschaften über türkische Serien

Erdogan übt laut Yasar Aydin, Sozialwissenschaftler von der Evangelischen Hochschule Hamburg und Türkei-Experte, massive Kontrolle über viele türkische Medien und deren Ausspielungskanäle aus. „Die gehören teilweise seinen Freunden. Wenn er etwas geändert haben möchte, muss er wahrscheinlich einfach nur bei ihnen anrufen“, sagte er Business Insider. So könne Erdogan Einfluss auf die Communities nehmen, die durch die Serien entstanden seien — egal ob Kritiker oder Unterstützer des türkischen Präsidenten, sagt Gürbey. Auch die politisch Unentschlossenen würden durch Serien im türkischen Fernsehen mit Erdogans politischen Botschaften konfrontiert werden. 

Gestrichene Liebesszenen und entfernte oppositionelle Sänger

„Schimpfwörter oder Liebesszenen werden gestrichen, um zu zeigen, dass das mit der eigenen Kultur, Religion und den nationalen Werten nicht vereinbar ist“, sagte die Türkei-Expertin. Laut Can Dündar, Erdogan-Kritiker und Ex-Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung „Cumhüriyet“, seien in Serien zudem Szenen von Alkoholrunden und oppositionellen Sängern entfernt worden. Das schreibt Dündar in seinem Email-Newsletter, in dem er sich mit der politischen Situation in der Türkei beschäftigt. 

„Dieses Bemühen entspringt dem Anspruch der AKP, eine Gesellschaft nach eigenen, nationalistisch-islamischen Wertvorstellungen zu formieren“, sagte Türkei-Expertin Gürbey.

Besonders wichtig scheinen Erdogan Serien mit Bezug auf das Osmanische Reich zu sein, das Weltreich der Osmanen, auf dessen Glanz der türkische Präsident in seinen Reden gerne verweist. „Diese Serien sind ideologisch, vor allem nationalistisch und islamisch unterfüttert und verherrlichen in besonderer Weise die imperiale Vergangenheit des Osmanischen Reichs“, sagte Gürbey. 

Erdogan trimmt türkische Bevölkerung mit Serien auf Loyalität

Zwei solcher Serien sind „Muhtesem Yüzyil“ und „Payitaht“. Auf sie verweist auch Erdogan-Kritiker Dündar. Erdogan nehme Einfluss auf die Handlung und lasse die Charaktere sogar für sich sprechen. Bei der Serie „Payitaht“, die laut „taz“ vom türkischen Staatssender TRT produziert wird, habe der türkische Präsident mit dem Hauptcharakter Abdülhamid, dem 34. Sultan im Osmanischen Reich, Wahlkampf gemacht. 

„Die türkische Bevölkerung wird mit den Serien auf Loyalität getrimmt. Kritiker werden als Spalter der Nation und Unkraut in einem Garten definiert, wie aktuell Abdullah Gül“, sagte Aydin. Der ehemalige türkische Staatspräsident Abdullah Gül gilt als Erdogan-Kritiker und wurde zuletzt mit der möglichen Bildung einer Splitterpartei aus der AKP in Verbindung gebracht. Dündar zitiert in seinem Newsletter aus der Serie „Payitaht“, in der die Figur Abdülhamid vor kurzem in einer Folge gesagt habe: „Das Wasser, mit dem wir den Rosenstrauch gießen, bekommt sowohl die Rose als auch der Stachel…Wenn diejenigen neben und um uns herum, die wir bewässern, dazu tendieren, zu Stacheln zu werden, werden wir sie am Ende gewiss beschneiden“. Eine Aussage, die der Erdogan-Kritiker als Botschaft an diejenigen wertet, die sich innerhalb der AKP gegen Erdogan zu wenden scheinen. 

Erdogan nutzt Seriensoundtracks für Videos und Auftritte

„Die Rückbesinnung auf die imperiale Vergangenheit und der daraus abgeleitete Herrschaftsanspruch schlägt sich in der Innen-und Außenpolitik der AKP nieder“, erklärte Gürbey. Der Neo-Osmanismus diene als wichtige ideologische Quelle des Regierungshandelns. Aydin erklärte, die osmanische Geschichte werde in solchen Serien verklärt und romantisiert. Beim Neo-Osmanismus richtet sich die Regierungspartei in Richtung des ehemaligen Einflussgebiets des Osmanischen Reichs aus, zu dem etwa die arabische Welt gehörte, und wendet sich verstärkt dem Islam zu. Erdogan hatte 2014 Osmanischunterricht an türkischen Schulen gefordert.

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Doch der türkische Präsident dürfte nicht nur Einfluss auf Serien nehmen, er nutzt sie auch öffentlich für sich. Die „taz“ berichtete, dass Erdogan etwa das Set der Serie „Dirilis Ertugrul“, die ebenfalls in der Zeit des Osmanischen Reichs spielt, im Juni 2015 besucht habe. Danach habe er den Soundtrack für seine Auftritte und politischen Videos verwendet. 

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