Diese unterschätzte Alternative zum E-Auto könnte eine wichtige Rolle bei der Mobilitätswende spielen

Audi A5 Sportback g tronGeht es nach der deutschen Autoindustrie, der Bundesregierung und der Europäischen Union, dürften E-Autos und Hybride den Wettlauf gegen andere alternative Antriebe gewonnen haben. Denn synthetische Kraftstoffe sind noch nicht marktreif, das Wasserstoffauto ist vorerst zu teuer — die Abgaswerte aber müssen dringend runter. Ein alternativer Kraftstoff jedoch wird oft übersehen, auf den auch Hersteller wie der Volkswagen-Konzern und Fiat setzen: Erdgas.

Zwar ist das Gasgemisch, das größtenteils aus Methan besteht, ebenfalls ein fossiler Brennstoff. Es vereint jedoch die besten Eigenschaften von Diesel und Benzin, ohne deren Nachteile mitzubringen: Vergleichbar mit Selbstzündern stoßen Erdgasautos relativ wenig CO2 aus, ähnlich wie bei Ottomotoren entstehen bei der Verbrennung rund 90 Prozent weniger Stickoxide (NOx). Zudem produzieren Erdgasautos rund 40 Prozent weniger Feinstaub als herkömmliche Verbrenner. Dabei ist der Kraftstoff 30 Prozent günstiger als Diesel und 50 Prozent günstiger als Benzin.

Der Erdgasantrieb ist technologisch ausgereift und marktfähig

Seat Leon TGIBei der Reichweite brauchen sich Erdgasautos ebenfalls nicht vor traditionellen Verbrennern verstecken. Die sogenannten CNG-Fahrzeuge (Compressed Natural Gas) kommen zwischen 300 und 450 Kilometer weit, die meisten Modelle sind aber mit einem zusätzlichen Benzintank ausgestattet, der die Reichweite bedeutend erhöht. Der Seat Leon TGI etwa schafft mit Erdgas rund 310 Kilometer, ein 50-Liter-Benzintank bringt den Kompaktwagen dann aber noch einmal 720 Kilometer weiter. Macht zusammen eine Reichweite von 1.030 Kilometer, womit auch Langstrecken kein Problem mehr darstellen.       

Die Erdgas-Technologie ist nicht nur ausgereift, sondern auch marktfähig. So gibt es in Deutschland aktuell 19 Erdgas-Pkw-Modelle zu kaufen, darunter vor allem Modelle von Volkswagen (VW, Seat, Skoda, Audi) und Fiat. Zum Vergleich: Bei E-Autos sind derzeit 26, bei Vollhybriden 35 Modelle auf dem Markt.

Im Unterschied zu E-Autos und Hybriden fällt der Preisaufschlag für CNG-Modelle aber deutlich geringer aus. Der Seat Leon TGI etwa kostet nur knappe 600 Euro mehr als die Einstiegsvariante mit Dieselantrieb, beim Audi A3 G-tron sind es 1.000 Euro, beim Skoda Octavia Kombi G-Tec rund 1.600 Euro extra. VW-Fans hingegen müssen tiefer in die Tasche greifen: Für den Golf und Polo TGI werden rund 6.000 Euro Aufschlag gegenüber dem Diesel- beziehungsweise Benzinmodell fällig.

Die Kunden jedenfalls scheint die Auswahl bislang kalt zu lassen. Laut Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes waren 2018 gerade einmal rund 80.000 Erdgasautos in der Bundesrepublik unterwegs. Das sind 0,2 Prozent aller zugelassenen Pkw in Deutschland.

Das Erdgasauto kann CO2-Emissionen nur geringfügig senken

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Das dürfte vor allem am ausreichenden, aber nicht gerade üppigen Tankstellennetz liegen. Laut Zahlen des Mineralölwirtschaftsverbands gibt es hierzulande rund 850 Erdgastankstellen. In den Ballungszentren und den Mittelstädten ist das Tanken so etwas umständlich, aber machbar. Die Webseite „gibgas.de“ etwa verzeichnet 15 CNG-Tankstellen in Berlin, 14 in Hamburg und zwölf in München. Auf dem Land hingegen ist das Erdgastanken deutlich schwieriger. Im Umland von München etwa werden laut einem Fahrbericht von „Focus“ schnell einmal 20 Kilometer Umweg fällig, um die nächste CNG-Tankstelle zu finden.   

Laut der Studie „CNG and LNG for vehicles and ships – the facts” des Umweltverbandes Transport & Environment sind die Tage fossiler Brenstoffe ohnehin gezählt. Benzinhybride stoßen demnach durchschnittlich 24 Prozent weniger CO2 aus als CNG-Modelle, wenn man das Ausströmen von Erdgas auf dem Transportweg mitrechnet. Gelangt reines Erdgas in die Atmosphäre, wirkt es als starkes Treibhausgas.

Auch wenn sich die Zahl der Erdgasautos in den kommenden Jahren drastisch erhöhen würde, hätte dies kaum positive Auswirkungen auf die Treibhausgasemissionen, so die Studienautoren. Nimmt man an, dass der Anteil an Erdgasautos 2020 auf fünf Prozent, 2025 auf zehn Prozent und 2030 auf 30 Prozent wachsen würde, würden die CO2-Emissionen des Verkehrssektors laut Transport & Environment um lediglich 1,5 Prozent sinken. Die Klimaziele der EU aber sehen eine Senkung um rund 38 Prozent vor. Das Erdgasauto spiele daher keine Rolle für die Mobilitätswende.

Erdgasauto als einzige Möglichkeit, Fahrzeugklasse unter 20.000 Euro zu erhalten

vw up ecofuel 2018 ausen seite

Michael Bargende, Leiter des Instituts für Verbrennungsmotoren und Kraftfahrwesen der Universität Stuttgart, widerspricht der Studie scharf: „Die Emissionen heutiger Erdgasfahrzeuge sind noch suboptimal, weil die geringen Stückzahlen die Optimierung der Technik teuer machen.“ Sobald die Absätze bei CNG-Modellen stiegen, könne auch der Schadstoffausstoß der Motoren weiter verringert werden. 

„Der CNG-Antrieb ist die einzige Möglichkeit, die Fahrzeugklasse unter 20.000 Euro zu erhalten. Ein rein elektrischer Kleinwagen wie der E.go hat eine Reichweite von 150 Kilometer. Damit konkurriert das Fahrzeug mit dem öffentlichen Nahverkehr, nicht mit der individuellen Mobilität“, so der Experte. 

Die Kaufentscheidung für ein Auto fände nicht nach den Fahrten statt, die unter 40 Kilometer lang sind, sondern nach jenen darüber. Plug-in-Hybride oder E-Autos mit höherer Reichweite würden aber auch 2030 noch über 20.000 Euro kosten. Zudem werde es nicht möglich sein, eine ausreichende Ladeinfrastruktur für Bewohner mehrstöckiger Wohnhäuser bereitzustellen, da die Parkplätze im urbanen Bereich begrenzt sind. „Letzten Endes geht es um die Frage, wie man die individuelle Mobilität der einkommensschwachen Bevölkerungsschichten erhalten kann, ohne die Klimaziele zu gefährden. Das Erdgasauto ist hier die einzige Option“, so Bargende.

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Um den Beschluss der EU umzusetzen, bräuchten Automobilhersteller emissionsarme Fahrzeuge, um den höheren CO2-Ausstoß anderer Fahrzeugklassen auszugleichen. „Im Unterschied zu Kleinwagen ist es kein Problem, große Pkw als Plug-in-Hybride oder mit batterieelektrischem Antrieb zu bauen. 2030 werden daher große schwere SUV günstige Kleinwagen subventionieren. Auf dem Weg zum klimaneutralen Verkehr ist das Erdgasauto daher mindestens eine Brückentechnologie.“  

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