Ich ließ mein Smartphone einen Tag lang zu Hause und kam zu einer beängstigenden Erkenntnis

RadfahrenWer hat sein Handy heute noch nicht in der Hand gehabt? Ohne zu wissen, wer diesen Text liest, behaupte ich: kaum einer. Wahrscheinlich flimmern diese Zeilen sogar gerade über euren Smartphone-Bildschirm. Doch was wäre, wenn ihr es nicht mehr hättet? Ich habe es ausprobiert. Immerhin für 24 Stunden. Das war so bemerkenswert, dass ich beschloss, darüber zu schreiben. 

Die Entscheidung fiel an einem Abend, an dem ich mit Kopfschmerzen im Bett lag. Mein Gehirn war müde, doch trotzdem rastlos. Von zu viel Instagram, zu vielen Nachrichten, neuen Reizen. Während ich die eine Information noch nicht verarbeitet hatte, standen die nächsten bereits in der Warteschleife. Wie eine Maschine, die am Fließband Packungen produziert — nur kam ich mit dem Öffnen kaum hinterher. Was war wichtig, was nicht? Alles schwirrte. Da stellte ich mir eine ernstgemeinte Frage: Wer bestimmt unser Leben: wir oder unser Handy?

Ich zähle mich zur Kategorie „Generation Y“ und nutze mein Smartphone genauso oft wie jeder andere in meinem Umfeld auch: gefühlt ständig. Wie wird das Wetter? Was sagt der Kalender? Noch schnell eine Notiz aufschreiben, die ich nicht vergessen darf. Ist ja auch praktisch. WhatsApp, Instagram, E-Mails checken. Kaum lege ich mein Smartphone zur Seite, klingelt es. Mein Büro organisiere ich über Google, Postkarten an Freunde verschicke ich via App. An der Kasse bezahle ich immer öfter kartenlos. Auto-,Taxi- oder Fahrradfahren sind Smartphone-gesteuert. Selbst Musik, Podcasts zur Unterhaltung gehen nicht ohne, ebenso wie Sport-Workouts auf dem Handy. Damit nicht genug, zeigt mir mein Smartphone abends an, wie fit ich tatsächlich bin, damit ich anschließend mit Meditationsapp abschalten kann. Ein Freund, ein Helfer, der Schritte zählt und Tiefschlafphasen ausrechnet — und uns zugleich maßlos abhängig macht. Schluss jetzt.

Eine neu gewonnene Freiheit ohne Smartphone

Ich schlief das erste mal seit langem, ohne einen Wecker zu stellen. Nicht bewusst. Nur fiel mir auf, dass ich außer einer Armbanduhr nichts zu Hause hatte. Normalerweise klingelt mein Handy. Auch wenn ich mich unmittelbar nach dem Aufstehen ertappte, wie ich daran dachte, war da nichts, nach was ich hätte greifen können. Heimlich schielte auf die Steckdose. Da hing es am Ladekabel, seit zehn Stunden, acht davon schlief ich. Statt Instagram und Nachrichten las ich ein Buch. Und noch eins. Ohne Ablenkung. Ohne Pause. Ich fühlte mich aufmerksam. Präsent. Ich hörte die Blätter rauschen und mein Herz klopfen. Ich musste keinem antworten und nicht reagieren. In mir stieg ein wohliges Gefühl auf. Fast ein bisschen aufgeregt verließ ich mit meiner neu gewonnenen Freiheit die Tür. 

Ich gebe zu: es war ungewohnt. Doch wie Harry Potter mit Tarnumhang zog ich los. Ich fühlte mich da und gleichzeitig unantastbar. Statt durch den Bildschirm sah ich die Welt ausschließlich durch meine Augen. Keine Likes, die aufploppten. Keine Filter, um die Welt „noch schöner“ wirken zu lassen, keine Anrufe. Auch wenn ich sonst öfter und bewusst Mini-Pausen einlege (Flugmodus beim Arbeiten oder Handy weg beim Spazierengehen), überkam mich häufig der Drang, etwas „Dringendes“ erledigen zu wollen.  

Foto vom leckeren Essen, das ich mit meinem Freund via WhatsApp teilen will — heute leider nicht. Meine Mutter, die ich schon die ganze Zeit anrufen wollte — auf morgen verschieben. Das Restaurant, das ich schon immer testen wollte — Straße vergessen. Im Alltag ertappe ich mich immer wieder, wie ich danach greifen will. Wie ich in Alarmbereitschaft bin, dass es vibriert. Wie ich mich ärgere, wenn ich es zu Hause vergessen habe oder panisch in der Tasche danach suche — solange, bis die kalte, glatte Oberfläche durch meine Finger gleitet. Würde meine Großmutter den Text lesen, stünden ihr die Haare zu Berge. Doch die Realität ist genauso. 

Smartphones sind für Abhängigkeit konzipiert

Bei der Arbeit oder zu Hause auf der Couch, beim Einkaufen, in Bus und Bahn genauso wie beim Essen: Gründe, das Gerät in die Hand zu nehmen, finden wir immer und deshalb hat fast jeder Smartphone-Besitzer sein Handy stets griffbereit. Selbst nachts fällt es vielen schwer, Abstand zu gewinnen, lautet das Ergebnis einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte. Das ist kein praktischer Zufall für Entwickler-Firmen, die damit Geld verdienen, sondern bewusst so gewollt. 

Ganze Forscherteams tüfteln daran, uns mit Blinken und Piepen an unsere Geräte zu binden. Eine Wissenschaft, die sich Behavioral Design nennt und sich zum Ziel setzt, durch bestimmte Designfunktionen von Produkten das menschliche Verhalten so zu beeinflussen, dass sich daraus neue Gewohnheiten formen können. „Der Erfolg einer App wird oft daran gemessen, inwiefern sie eine neue Gewohnheit einführt“, sagt der App-Entwickler Peter Mezyk im Gespräch mit Business Insider. Er ist Manager der internationalen App-Agentur Nomtek, die unter anderem Apps für das Wörterbuch Pons, den Reiseanbieter Tui und das Medienunternehmen Prosiebensat1 entwickelte. 

Doch nicht nur externe Reize sorgen für Suchtgefahr. Mindestens genauso entscheidend sind Trigger, die uns auf psychologischer Ebene abholen. In seinem Buch „Hooked: Wie Sie Produkte erschaffen, die süchtig machen” analysiert der Psychologie-Experte Nir Eyal, wie einfache App-User zu abhängigen Fans mutieren. „Ich habe kein Problem oder so. Ich nutze es einfach nur, wenn ich was Cooles sehe. Ich hab das Gefühl, ich muss es festhalten, bevor es wieder weg ist“, zitiert er eine Mittzwanzigerin über ihren Umgang mit der App. 

Spaß, die zur Routine wird und langfristig in die Abhängigkeit führt. Der Grund dafür ist laut dem Autor simpel: „Vor allem negative Emotionen sind starke innere Trigger, die auf großartige Weise unsere tägliche Routine beeinflussen.“ Fühlen wir uns gelangweilt, einsam, frustriert? Brauchen wir Bestätigung? Instagram „hilft“ aus dem Loch. Auch Angst, diese eine Momentaufnahme zu verpassen (die so nie wieder kommt), lässt uns immer wieder zum Handy greifen. Ein Post hier, eine Story da. Doch wie war mein Tag letztlich — ohne ferngesteuerte Routine, ohne Internet, nur mit offline Kommunikation, ohne Parallelwelt? 

Zettel statt Smartphone

Ich entschied mich für einen Sonntag. Trotzdem musste ich bei Terminen explizit darauf hinweisen, nicht erreichbar zu sein. Mich darauf verlassen, dass meine Verabredung zum vereinbarten Zeitpunkt auch da ist. Adressen und Telefonnummern schrieb ich auf Zettel, für den Notfall, doch jemanden erreichen zu müssen (dann eben von einem anderen Handy aus). Ich verzichtete auf meine geliebten Podcasts und Musik on the Go und spontan zu Hause anrufen war auch nicht drin. Wäre das im Alltag Dauerzustand, hätte ich nicht nur Social Detox, sondern als Selbstständige wahrscheinlich auch bald keine Jobs mehr. Trotzdem werde ich es wieder machen. 

Ich war bei Gesprächen aufmerksam, anstatt in Alarmbereitschaft. Ich ging Gedanken nach, die aufkamen und dachte sie zu Ende, weil ich nicht unterbrochen wurde. Einfälle schrieb ich auf Zettel statt in mein Smartphone. Ich ließ mich treiben, denn Google Maps hatte ich nicht. Ich aß, weil ich Hunger hatte, und nicht weil mir Instagram mit Food-Fotos Hunger machte. Abends, als ich ins Bett ging, schlief ich sofort ein. Nicht weil mein Kopf brummte, sondern weil ich müde war. Ein Kurzurlaub für’s Gehirn, der nicht ständig praktikabel ist. Aber selbst nach 24 Stunden Wunder wirkt. 

 

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Besser, gesünder, nachhaltiger, produktiver und zugleich entspannter. Wir leben in der Ära der Selbstoptimierung. Aber was bringt uns wirklich weiter — und was können wir uns sparen? In ihrer Kolumne „Selbst optimiert“ schreibt Laura Lewandwoski, was dabei rauskommt, wenn sie (kluge) Ratschläge umsetzt oder aus eigenen Erfahrungen lernt. Im Leben, bei der Arbeit und überall dort, wo es zählt. Hauptsache selbst optimiert.

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