“Gelungen sanieren geht auch ohne ‘Passivhauswahn'”

Franz Tichelmann über das Vorzeigeprojekt “21erHaus” und spannende Details zu einer prominenten Referenz der niederösterreichischen Ingenieure im Herzen Wiens.Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde: der Trend zu mehr Umweltbewusstsein durchzieht all unsere Lebensbereiche und auch die Wirtschaft darf sich mit dem Herzensthema des Planeten beschäftigen. Besonders interessant wird es unter anderem zuweilen für die Ingenieurszunft, im Speziellen dann, wenn es darum geht, nicht ganz so Junges an den aktuellen Standard anzupassen. Der Diplomingenieur Franz Tichelmann erzählt LEADERSNET von einem solchen Projekt, das vielen geläufig sein könnte: dem 21er Haus beim Belvedere. 

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr DI Tichelmann, als langjähriges Mitglied der Fachgruppe Ingenieurbüros NÖ und erfahrener Branchenprofi haben Sie schon das eine oder andere spannende Projekt betreut. Auf unsere Anfrage, eines Ihrer Projekte vorzustellen, fiel es Ihnen aber nicht schwer, eines auszuwählen: Das 21er Haus. Was macht das 21er Haus für Sie so besonders? 

Tichelmann: Vordergründig es natürlich ein Projekt von gewisser Prominenz. Das 21er Haus kennt wohl jeder. Allein schon die Lage beim Belvedere eine von Wiens architektonisch spannendsten Sehenswürdigkeiten, ist ein Aushängeschild für sich. Aber auch aus technischer Sicht zeigen sich eine Reihe spannender Punkte.

LEADERSNET: Können Sie mir diese kurz umreißen, ohne noch ins Detail zu gehen?

Tichelmann: Der Prominenz als auch der architektonischen Gestaltung des Projektes geschuldet, standen die von uns übernommenen bauphysikalischen Leistungen zwar nie im Vordergrund, nichtsdestotrotz waren die zu lösenden bauphysikalischen Anforderungen überaus spannend. Auszuführende Details werden in der Replik gerne übersehen. Gerade bei einem so prominenten Beispiel wie dem 21er Haus ist es daher umso wichtiger zu erwähnen, dass das 21er Haus ein gutes Beispiel für eine, insbesondere auch energetisch gelungene, nicht dem “Passivhauswahn” verfallene Lösung ist.

LEADERSNET: Sie sprachen vom Passivhauswahn – wie hat man denn beim 21erHaus eine ökologisch wertvolle und nachhaltige Baulösung erreicht, ohne diesem zu verfallen? Was hebt das Projekt hier ab?

Tichelmann: Im Sinne des Öko-Trends werden nicht immer die nachhaltigsten Entscheidungen getroffen. Nicht alles, was aktuell in ist, ist energieeffizient. Heutzutage sind wir einem regelrechten Passivhauswahn verfallen, neue Bauten sind besser, energiesparender, etc.etc. als alte Gebäude, darum wird so gerne abgerissen und neu gebaut. Doch es geht auch anders. Beim 21erHaus haben wir es geschafft, die alten Bauteile zeitgerecht und energiesparend zu adaptieren, ohne alles niederreißen und neu errichten zu müssen. Zuvorderst ist eine Sanierung ist ja auch ökologischer als ein Abbruch und kompletter Neubau. Jedoch stellt sie den Planer auch vor mehr technische Herausforderungen als ein Neubau.

LEADERSNET: Wie gingen Sie bei der Planung vor? Wie lange dauerte das Projekt, und wie viel Detailarbeit steckt dahinter?

Tichelmann: Die Bearbeitung der Sanierung des 21erHauses beschäftigte uns, in zwei Bauphasen, von 2008 bis 2011 bzw. 2013. Gut Ding braucht Weile – und Planung! Wichtig war, gewerksübergreifend arbeiten zu können. Unsere Überlegungen zu den Ausführungsdetails waren gleichwertig mit jenen der Gestaltung zu behandeln. Gerade aufgrund der Erhaltung der alten Bausubstanz war hier die Ästhetik ebenso wichtig wie die Funktionalität. Die Berücksichtigung der Bauphysik verlangt bei einem Projekt wie diesem grundlegende und genaue Planung – ebenso wie eine gute Auffassungsgabe und Flexibilität.

LEADERSNET: Was hat sich nach dem Umbau am 21erHaus verändert?

Tichelmann: Das 21erHaus hat einen ganz eigenen Charakter, der durch den Umbau noch stärker herausgearbeitet wurde. Über dem gesamten Sanierungsprozess stand das Ziel, das bekannte Nachkriegs-Bauwerk in seiner besonderen und charakteristischen Erscheinungsform zu bewahren. Dennoch hat sich auch vieles verändert, das Gebäude ist präsenter. Allein schon durch das neue, dem Gebäude vorgelagerte Atrium, erzeugt es eine ganz neue Wirkung. Darüber hinaus wurde dem 21erHaus ein sechsgeschossiger Turm beigestellt. Auch die Ausstellungsflächen wurden beispielsweise um ein Café-Restaurant mit Gastgarten, einen Skulpturenpark, Garderoben, ein Kinderatelier, Depotflächen und die haustechnischen Anlagen erweitert.

LEADERSNET: Haben Sie noch ein paar Zahlen und Fakten zum 21erHaus für uns? Wie viel hat es die Revitalisierung gekostet?

Tichelmann: Das 21erHaus verfügt über eine gesamte Nettofläche von 6825 Quadratmetern, 2275 Quadratmeter davon sind reine Ausstellungsfläche. Die Gesamtkosten des Projekts beliefen sich auf ca. 31,9 Millionen Euro.

LEADERSNET: Was ist Ihnen bei der Arbeit am 21erHaus besonders in Erinnerung geblieben, bzw. was macht es für Sie zu einem Erfolgs- und Vorzeigeprojekt?

Tichelmann: Dass wir hier erfolgreich waren, lag definitiv an der guter Teamarbeit aller, und einem gewissen “thinking out of the box”. Bei so einem Projekt ist es wichtig, bei höchstem Anspruch an das Ergebnis auch flexibel in der Ausführung zu bleiben. Der Standard in unserem Geschäft ist, sich strikt – ja nahezu blind – an Normen zu halten. Die Kunst ist es, in diesem vorgegebenen Rahmen für spezielle Fälle trotzdem flexibler Lösungen zu ermöglichen. Das haben wir mit gebündelten Kräften beim 21erHaus vorbildlich geschafft.

www.ingenieurbueros.at

www.belvedere21.at

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