Interne Nachrichten zeigen, dass ein ranghoher Boeing-Mitarbeiter schon 2016 von Problemen bei der 737 Max gewusst hat

Boeing 737 Max

  • Boeings technischer Chefpilot für das 737 Max-Projekt soll einem anderen Mitarbeiter schon im Jahr 2016 mitgeteilt haben, dass es Probleme mit dem automatisierten Anti-Stall-System MCAS des Flugzeugs gebe.
  • Boeing hat die internen Sofortnachrichten der Mitarbeiter „vor einigen Monaten“ gefunden. Sie wurden jedoch erst am Donnerstag der US-Luftfahrtbehörde FAA übergeben.
  • Die FAA fordert nun von Boeing eine „sofortige Erklärung“, warum ein „beunruhigendes Dokument“ den Aufsehern erst mit Monaten Verspätung vorgelegt worden sei. 
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Boeings technischer Chef-Pilot für das 737 Max-Projekt hat einem anderen Mitarbeiter im Jahr 2016 mitgeteilt, dass es „ungeheure“ Probleme mit dem automatisierten Anti-Stall-System MCAS des Flugzeugs gebe. Das berichtete die „New York Times“ am Freitag. Diese Mitteilung wäre damit zwei Jahre vor dem ersten von zwei tödlichen Abstürzen verschickt worden. Das System gilt inzwischen als wesentliche Ursache für die beiden Abstürze.

Boeing hat eigenen Angaben zufolge die internen Sofortnachrichten zwischen den beiden Mitarbeitern „vor einigen Monaten“ gefunden, schreibt die Nachrichtenagentur Reuters, die als Erste darüber berichtete. Boeing übergab die Nachrichten jedoch erst am Donnerstag an die US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA).

„Ich habe die Aufsichtsbehörden praktisch angelogen“

FAA-Chef Steve Dickson forderte in einem am Freitag von der Behörde veröffentlichten Brief an Boeing-Chef Dennis Muilenburg eine „sofortige Erklärung“, warum ein „beunruhigendes Dokument“ den Aufsehern erst mit Monaten Verspätung vorgelegt worden sei.

In den Nachrichten, die von der „Times“ zitiert werden, beschwerte sich der Chefpilot darüber, dass das MCAS-System Probleme bei Flugsimulationen verursache. „Es läuft unkontrolliert in der Sim“, schreibt er in einer Nachricht. „Das war ungeheuerlich.“ In einer anderen Nachricht weist er darauf hin, dass er die FAA unbeabsichtigt in dieser Angelegenheit in die Irre geführt habe. „Ich habe die Aufsichtsbehörden praktisch angelogen (ohne es zu wissen)“, soll er geschrieben haben.

Anfang 2016 bat der Chefpilot die FAA um Erlaubnis, die Hinweise auf das MCAS aus dem Pilotenhandbuch für das 737 Max zu entfernen. Er begründete dies damit, dass es nur in seltenen Fällen aktiviert werden würde. Die FAA genehmigte den Antrag — anscheinend nicht im Klaren darüber, wie stark die Wirkung tatsächlich ist. Der Chefpilot konnte von Business Insider zunächst nicht für eine Stellungnahme erreicht werden. 

MCAS soll bei den Abstürzen versagt haben

Boeing-Chef Dennis Muilenburg soll Ende des Monats dem US-Kongress über die beiden Abstürze und die Entwicklung des Flugzeugs berichten. Die 737 Max ist seit März mit einem Flugverbot belegt, nach dem zweiten von zwei tödlichen Unfällen innerhalb von fünf Monaten.

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Vorläufige Berichte über die beiden Abstürze, dem Lion Air Flug 610 und Ethiopian Airlines Flug 302, zeigen, dass das MCAS fälschlicherweise aktiviert war und die Nasen der Flugzeuge wegen eines Problems mit der Systemsoftware nach unten zwang. Die Piloten konnten die Kontrolle über das Flugzeug nicht wiedererlangen.

Das System konnte durch einen einzigen Sensormesswert aktiviert werden. Bei beiden Abstürzen sollen die Sensoren versagt haben, indem sie fehlerhafte Daten an den Flugcomputer gesendet und ohne redundante Überprüfung das automatisierte System ausgelöst haben.

Für Boeing sind die Vorwürfe sehr heikel

Das MCAS wurde entwickelt, um die größeren Motoren der 737 Max im Vergleich zu den vorherigen 737 Generationen zu kompensieren. Die größeren Triebwerke könnten dazu führen, dass die Nase des Flugzeugs nach oben kippt, was zu einem Strömungsabriss (“stall“) führt — in dieser Situation sollte das MCAS die Nase automatisch nach unten richten, um den Effekt auszugleichen.

Für Boeing sind die Vorwürfe der FAA sehr heikel. Der Konzern ist wegen der Abstürze mit einer Klagewelle konfrontiert. Sollten bei der Zertifizierung der 737 Max falsche Angaben gemacht oder Informationen unterschlagen worden sein, könnte dies schwere Konsequenzen nach sich ziehen. Anleger reagierten am Freitag nervös auf die Kritik der FAA, Boeings Aktien fielen im US-Handel zeitweise um über sechs Prozent.

Boeing will der FAA einen Vorschlag für eine Lösung des Problems vorlegen und das Flugzeug bis Ende 2019 wieder flugfähig machen. US-Fluggesellschaften haben den Jet vorerst bis Januar aus ihren Flugplänen genommen.

Dieser Text wurde aus dem Englischen übersetzt und mit dpa-Material ergänzt und editiert.

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