„Wir drehen die Videos selber“: Wie Frauen heute die Erotik-Industrie auf den Kopf stellen

Lucy Cat (zw.v.l) ist durch Social Media zu einem Schwergewicht der Porno-Industrie geworden

  • Soziale Medien machen Amateurdarstellerinnen in der Pornoindustrie zu Schwergewichten.
  • Die Netzwerke machen die Frauen auch unabhängiger: sie entscheiden über Drehbuch, Darsteller und Performance. 
  • Die alten Größen der deutschen Erotik-Industrie kommen bei dem Trend in den Sozialen Netzwerken nicht hinterher.
  • Mehr Artikel von Business Insider findet ihr hier.

Dieses Wochenende findet in Berlin wieder die größte Erotikmesse Europas statt, die Venus. Jedes Jahr kommen etwa 30.000 Fans der Industrie und der Porno-Darstellerinnen, die drei Tage lang Autogramme signieren und Merchandise-Produkte verkaufen.

Die Messe ist ein guter Indikator dafür, wie es der Branche geht und was die neuen Entwicklungen sind, auf die man sich gefasst machen muss. Business Insider war vor Ort und hat festgestellt, das vor allem ein Thema dominiert hat: die Macht der Sozialen Netzwerke und Digitalplattformen.

„Wir drehen die Videos selber“

„In der Industrie hat ein starker Wandel stattgefunden. Früher wurden die Mädels von Agenturen für Rollen zugeteilt. Im heutigen Amateurbereich läuft das anders. Wir Frauen drehen die Videos selber, wir schneiden sie selber, wir machen den Werbetext und laden sie auf den Plattformen hoch. So ist es bei mir auch, es macht Spaß. Ich bin mein eigener Herr,“ sagt Lucy Cat, die mit bürgerlichem Namen Lucia Katharina Berger heißt.

Bei dieser Messe ist sie nach Messe-Patin Micaela Schäfer der absolute Star. Und das lässt sich an nackten Zahlen bemessen: Lucy Cat hat 916.000 Follower bei Instagram, 213.000 Abonennten bei Youtube. Manche Vlog-Einträge von ihr erreichen rund 1,5 Millionen Aufrufe.

Sie beweist, dass man als Darstellerin in der Erotikbranche nicht mehr auf Produktionsfirmen oder Agenturen angewiesen ist. Man kann es auch aus eigener Kraft schaffen, berühmt und erfolgreich zu werden.

Die Fanbase von Lucy Cat besteht hauptsächlich aus 30-Jährigen 

Nicht nur virtuelle Zahlen belegen ihren Erfolg. Sie ist eine der wenigen Darstellerinnen mit eigenem Stand an der Messe. Und dieser ist durchgehend belagert von einer langen Menschenschlange, die ein Autogramm von oder ein Foto mit Berger haben will. Die überwiegende Mehrheit ihrer Fans ist jung, um die 30 Jahre. In der Schlange tummeln sich außerdem zahlreiche Frauen.

„Es sind vor allem junge Leute, die ich anspreche. Die kommen über die sozialen Medien. Sie interessieren sich für mich, mögen wahrscheinlich, dass ich mit dem Thema Sex offen umgehe“, sagt Berger.  Die Zuschauerschaft bei ihren Webcam-Shows sei zwischen 25 und 35, sagt sie. „Vielleicht studieren sie gerade oder sparen den letzten Cent zusammen, um in den Chat reinzukommen.“

Sie hat sich eine Zielgruppe erobert, bei der es deutsche Produktionsfirmen schwer haben, mit ihrem „klassischen“ Pornomaterial.

„Ich habe noch nie eine große Produktion mitgemacht. Die klassischen Pornos drehe ich nicht“

Bergers Unabhängigkeit berührt ein Thema, das in den vergangenen Jahren immer lauter geworden ist, in — und um die Branche: Welche Frauenrolle wird in den Pornofilmen transportiert? Und welche Macht haben die Darstellerinnen am Set? Hilft bei diesen Fragen Unabhängigkeit von Produzenten und Agenturen?

„Ich bin keine Schauspielerin, so wie das früher üblich war, mit Castings und Drehbüchern. Ich drehe selber, schreibe mein eigenes Drehbuch und suche meine eigenen Darsteller aus. Auch die Sexstellungen wähle ich selber aus. Man ist viel freier, wenn man sein eigener Herr ist,“ sagt Berger. Und macht deutlich, dass diese Unabhängigkeit natürlich hilft. Und ihre Haupteinnahmequelle ihre eigenen Videos sind.

„Ich habe noch nie eine große Produktion mitgemacht. Die klassischen Pornos drehe ich nicht, und habe das auch in Zukunft nicht vor, gar nicht.“

Ihre Kollegin Hanna Secret, die das Gesicht von „Mydirtyhobby“ ist, sieht das ähnlich. „Pornodarstellerinnen werden immer stärker in das offizielle und öffentliche Leben integriert. Jedenfalls über Social Media, auf Plattformen wie Youtube, Facebook oder Instagram. Dort werden sie wie Stars angesehen. Viele produzieren ihren eigenen Merchandise, das mache ich beispielsweise auch. Früher war das nicht so, das hat sich geändert“.

Das Image der Branche wandelt sich

Bei der älteren Generation in der Pornobranche ist diese Erkenntnis noch nicht gereift. Ein bekannter deutscher Pornoproduzent, der nicht namentlich genannt werden möchte, gibt zu, dass die klassische Branche unter der Konkurrenz aus dem Internet wie Streaming leidet: „Auch deswegen kann man die großen deutschen Produktionsfirmen in der Branche nur noch an einer Hand abzählen.“ Soziale Netzwerke spielen in den Erwägungen des Produzenten kaum eine Rolle, diese Entwicklung scheint an ihm vorbeigezogen zu sein.

Belastbare Daten über das Geschäft der Pornoindustrie gibt es kaum. Das Vergleichsportal Netzsieger berichtete 2016, dass sich der Umsatz in der deutschen Pornobranche durch die Gratisplattformen im Netz halbiert habe. Eine bekannte Darstellerin verdiene demnach etwa 2.000 Euro pro Film. Newcomer hingegen müssten schon acht Filme pro Monat drehen, um auf ein Bruttogehalt von rund 2.300 Euro zu kommen. Weltweit setze die Online-Pornoindustrie jährlich fünf Milliarden Dollar (etwa 4,5 Milliarden Euro) um.

Durch das Internet ist die Branche stärker in den Alltag und in die Öffentlichkeit getreten — weg von der „Schmuddelecke“ in den Videotheken. Die Pornoindustrie habe heute ein deutlich weniger verruchtes Image im Vergleich zu früher, sagt Pornodarstellerin Secret. „Die Welt wird offener für Pornos, vor allem Frauen.“ Diese geben allerdings nach wie vor oft nicht zu, dass sie Pornos gucken, so Secret. Ihre Kollegin Berger fügt hinzu: „Ich finde, Porno ist Kunst. Und das gefällt mir.“

MEHR ARTIKEL BEI BUSINESS INSIDER:

 Inseln, Militär-Jets, Unterwasser-Autos: Die verrücktesten Käufe von Bezos, Musk, Zuckerberg und Co.

 Effektiver Lernen: Diese 7 Apps machen euch das Studium leichter

 Ein Sessel für 57.000 Euro: Diese alten Ikea-Möbel können euch richtig viel Geld bringen

Join the conversation about this story »

• Weiterlesen •