Wer ein Haus baut, könnte bald Geld geschenkt bekommen — auf Kosten der Allgemeinheit

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  • Negative Zinsen haben für Häuslebauer durchaus Vorteile.
  • Die staatliche Förderbank KfW will die Vorteile der Negativzinsen weitergeben. Weitere Banken könnten folgen — noch fürchten viele Banken jedoch diesen Schritt. 
  • Negative Bauzinsen haben auch eine Schattenseite: Für Geldeinlagen auf der Bank könnten künftig Zinsen fällig werden.
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Die aktuell niedrigen Zinsen werden in der öffentlichen Diskussion häufig als Problem dargestellt. Schließlich, so der Tenor, gibt es auf das Ersparte keine Zinsen mehr von der Bank. Doch häufig wird dabei zum einen vergessen, dass am Aktienmarkt investiertes Geld, zum Beispiel mit monatlichen Beträgen innerhalb eines ETF-Sparplans, noch immer attraktive Renditen erzielt. Zum anderen bieten niedrige Zinsen auch Chancen für private Haushalte — zum Beispiel für den, der in eine Immobilien investieren möchte.

Die Zinsen für Immobilienkredite sind in den vergangenen Jahren massiv gefallen. Im August verlangte eine Direktbank nur noch 0,03 Prozent Zinsen für ein Baudarlehen mit zehn Jahren Zinsbindung. Niedriger sanken die Zinsen nicht. Noch nicht. Denn es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Zinsen tatsächlich in den negativen Bereich sinken. Das würde bedeuten: Kunden bekommen Geld geschenkt, wenn sie bauen — zumindest bei der Finanzierung. 

Den Stein ins Rollen bringt die staatliche Förderbank KfW. Da sie als Staatsbank vom Spitzen-Rating Deutschlands profitiert, ist sie in der Lage, günstig — mittlerweile zum Teil sogar zu negativen Zinssätzen — Geld am Kapitalmarkt aufnehmen. Diesen Bonus will sie nun an die Häuslebauer weitergeben. Das sagte der KfW-Vorstandsvorsitzende Günther Bräunig laut „FAZ“. Demnach habe die KfW im Sommer Geld zu -0,4 Prozent Zinsen aufgenommen, wovon förderberechtigte Kunden profitieren sollen.

Ökonom erwartet 2020 negative Bauzinsen

Wie ungewöhnlich dieses neue Zinsumfeld ist, zeigt, dass die IT-Systeme es bislang gar nicht zulassen, negative Zinsen an Kunden auszugeben. Bis dieser Umstand geändert ist, will die KfW Kredite zu null Prozent an die Banken vermitteln und entsprechend einen Bonus an die Privatkunden ausgeben. Denn: Privatkunden können nicht direkt bei der KfW einen Immobilienkredit abschließen, sondern müssen dabei über ihre Hausbank gehen, die wiederum Förderkredite von der KfW erhält. Die Folge: Banken erheben eine Bearbeitungsgebühr, die unterm Strich noch keine negativen Zinsen beim gesamten Immobilienkredit zulässt. KfW-Chef Bräunig erwartet aber, dass bis zum Herbst 2020 alle Banken und Sparkassen in der Lage sein sollten, den Negativzins weiterzugeben.

„Für 2020 kann ich mir aber bereits gut vorstellen, dass es erstmals Immobilienkredite geben wird, die Häuslebauer nicht mehr vollständig zurückzahlen müssen“, sagt Markus Demary, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. „Es gibt keinen Grund, warum sich an der Zinssituation etwas ändern wird“, erklärt er. Die Wirtschaft wachse nur schleppend und Staat, Haushalte sowie Unternehmen sparen. Damit ist eine Zinswende nicht in Sicht. 

Dass die Kreditzinsen unterm Strich in dem Fall negativ sein könnten, ändert grundsätzlich auch für die Banken nur wenig. „Können Banken in diesem Szenario Geld deutlich im negativen Bereich aufnehmen, können sie es auch im negativen Bereich an Kunden weitergeben und dennoch daran verdienen“, sagt Demary. Als Beispiel: Die Banken nehmen zu -0,5 Prozent Geld auf und verleihen es zu -0,2 Prozent weiter. 

Geschenktes Geld für Häuslebauer auf Kosten der breiten Masse?

Dabei berücksichtigt werden müssen allerdings immer gewisse Risikopuffer, die Banken einplanen müssen, um sich gegen Kreditausfälle abzusichern. Klar ist aber auch: Das Zinsgeschäft wird für Banken noch schwieriger. Je weiter der Zins senkt, desto kleiner fällt die Gewinnspanne für Banken aus. Bei manchen Verbrauchern hingegen könnten die Minuszinsen zum Umdenken führen. „Kommt es tatsächlich zu negativen Zinsen auf Immobilienkredite könnten gerade bonitätsstarke Haushalte, die noch schwanken, ob sie wirklich bauen sollen, überzeugt werden“, erwartet Ökonom Demary. Wem allerdings ein Haus grundsätzlich eine zu große Investition ist, wird sich auch nicht bei leicht negativen Zinsen umstimmen lassen, so der Experte weiter.

Häuslebauer bekommen — so das Szenario so eintritt — ab dem kommenden Jahr tatsächlich Geld geschenkt. Doch: Banken werden es sich an anderer Stelle zurückholen, erwartet Demary. Dafür werden sie einen Schritt gehen, den sie so lang wie möglich hinauszögern wollen. „Verbunden mit negativen Zinsen für Immobilienkredite werden Strafzinsen auf Bankvermögen sein“, erwartet er. Heißt: Wer ein Haus kauft bekäme Geld geschenkt, wer Geld auf der Bank liegen hat, müsste Strafe zahlen.

Strafzinsen auf Privatvermögen: „Kein Institut will Vorreiter sein“

Auch diese Maßnahme hängt mit der Niedrigzinspolitik der EZB zusammen. Schließlich zahlen Geschäftsbanken schon heute Strafe bei der Zentralbank, wenn sie Geld bei ihr parken müssen. Noch gibt es nur vereinzelt und für Kunden mit einen sehr großen Vermögen bereits Strafzinsen. Im kommenden Jahr könnten sie für die breite Masse gelten.

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„Kein Institut will der Vorreiter der Strafzinsen für Sparer sein, weil dieser Schritt mit einem Kundenverlust verbunden sein könnte“, so Demary. Um ihr Geld zu schützen, würden zahlreiche Sparer zu einer Bank wechseln, die zu dem Zeitpunkt noch keinen Strafzins verlangt. Nach und nach kämen dann aber ohnehin mehr Institute dazu, die diese Strafzinsen einführen. „Gleichzeitig könnten Banken über weitere Gebühren ihre Einnahmeseite stärken“, sagt Demary. 

Die negativen Zinsen für Immobilienkredite könnten somit der Ausgangspunkte für neue, drastische Veränderungen der Bankenlandschaft sein. Zugleich würden Sparer mit Strafzinsen auf ihr Bankvermögen die negativen Bauzinsen von Häuslebauern subventionieren.

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