Warum Elon Musks Plan, eine neue Autofabrik in Deutschland zu bauen, keine gute Idee ist

Elon Musk

Kommentar

  • Tesla-Chef Elon Musk kündigte letzte Woche an, ein neues Werk in Berlin zu bauen. 
  • Das ist eine schlechte Idee, findet unser Autor. Die europäische Automobilindustrie verfügt bereits über zu viele Fabriken im Vergleich zu der Nachfrage der Region. 
  • Es wäre viel sinnvoller für das US-amerikanische Unternehmen, eine bestehende Anlage zu übernehmen oder einen deutschen Hersteller mit dem Bau der Teslas zu beauftragen. 
  • Mehr Artikel bei Business Insider findet ihr hier.

Letzte Woche kündigte Tesla-Chef Elon Musk an, eine neue Gigafactory — Teslas Begriff für ein Automobilwerk — in der Nähe von Berlin zu bauen.  

Dieser Schritt ist unsinnig. Ein Werk in Shanghai etwa würde Sinn machen, da China wahrscheinlich der weltweit beste Wachstumsmarkt für reine Elektrofahrzeuge ist und westliche Autokonzerne lieber Fahrzeuge dort bauen, wo sie sie verkaufen. Europa ist aber eine ganz andere Geschichte. 

Die Kapazitätsauslastung im Automobilsektor liegt in Europa nur bei etwa 80 Prozent. Das ist ein altes Strukturproblem, um das sich die Wirtschaftsführer der Branche seit einem Jahrzehnt Sorgen machen. Der verstorbene Ex-Geschäftsführer von Fiat Chrysler, Sergio Marchionne, hat in einer oft diskutierten Präsentation mit dem Titel „Bekenntnisse eines Kapitalsüchtigen“ bereits im Jahr 2015 darauf aufmerksam gemacht. 

Ferrari Chef Sergio Marchionne

Begrenztes Wachstum und zu viele nicht ausgelastete Fabriken 

Weil der europäische Automobilmarkt groß und ausgereift ist und auf nicht mehr viel Wachstum hoffen kann, sieht die Branche in dem Umstieg auf Elektrifizierung eine Art Joker. Denn der Markt für Verbrennermotoren wird durch steigende staatliche Emissions- und Kraftstoffnormen sowie Probleme mit Dieselmotoren nach dem Betrugsskandal von Volkswagen immer schwieriger. 

Elektroautos werden das Überkapazitätsproblem jedoch nicht wirklich lösen. Europa könnte die Verbrennungsmotoren vollständig aufgeben und trotzdem würden immer noch 20 Prozent der Autofabriken unterhalb des vollen Auslastungsniveaus betrieben. Unter dem Strich braucht Europa nicht mehr Autowerkstätten. 

In diesem Zusammenhang ist es rätselhaft, um nicht zu sagen verwirrend, dass Musk eine neue Fabrik bauen will. Es gibt viele Werke, die europäische Autohersteller gerne verkaufen würden, und es gibt auch Auftragshersteller wie etwa die österreichische Firma Magna, die Tesla-Fahrzeuge schneller montieren könnten, als Tesla eine komplett neue Anlage bauen kann. 

Lest auch: Tesla kommt nach Berlin: Was das für die deutsche Automobilindustrie bedeutet

Man sollte erwähnen, dass Teslas Ambitionen zwar großartig klingen, diese neuen Gigafactories aber alle Milliarden-Vorschläge sind — welche Tesla mit geliehenem Geld aus 2019 bezahlen möchte. Wenn sie 30 Jahre lang in Betrieb sind, dürfte die Inflation die Schuldenlast bereinigt haben. Aber ein Großteil der Konkurrenz baute ihre Werke mit dem vor Jahrzehnten gesammelten Geld. Und einige dieser Fabriken stehen entweder kurz vor der Schließung oder laufen deutlich unter der Volllast. Ford verringert seine Produktion in Europa von 23 Werken auf 18 und reduziert die Schichten. 

Das könnte Tesla sich eigentlich zu Nutzen machen. Musk könnte immer noch eher kaufen als bauen. Aber offensichtlich klingt es sexier, etwas Glänzendes und Neues wie eine Gigafactory zu bauen. 

Musk macht alles komplizierter

Das Ergebnis ist ja auch ziemlich überzeugend: Tesla macht schöne Autos. Aber Musks Autos brauchen viel zu lange in der Produktion. Für Branchenprofis, die es gewohnt sind, dass Fahrzeuge in ein oder zwei Jahren ereignislos von der Markteinführung zur Produktion übergehen, ist das verblüffend. Die Industrienation Deutschland produziert gerade Autos besonders schnell. Es könnte sein, dass gerade dieser Markt mit Musks verrückten Ideen vielleicht nicht so gut zurechtkommt. 

Aber ehrlich gesagt, sollte er sich nicht die Mühe machen. Oder vielleicht sollte er das tun, wenn es sein übergeordnetes Ziel ist, die Tesla-Erfolgsgeschichte jung zu halten. Tesla hat bereits eine Art Werk in Europa, das sich in den Niederlanden befindet. Es ist aber ein Endmontagezentrum, das die aus den USA verschickten Fahrzeuge komplettiert. Eine Fabrik im industriellen Kernland Europas, in der alles von Anfang bis Ende produziert wird, wäre viel attraktiver. 

In vielerlei Hinsicht verdient Musk seinen Ruf als Genie. Er ist bei weitem der größte lebende Autoverkäufer, der an die Giganten der Automobilbranche erinnert: Henry Ford, Enzo Ferrari, William Durant. Aber wenn es um das Taktieren geht, ist sein Genie nutzlos. Er macht ständig alles komplizierter und wählt zuverlässig den harten Weg, selbst wenn der einfache Weg direkt vor seinen Füßen liegt. 

Das Ergebnis ist ein unterhaltendes Schauspiel. Aber je größer Tesla wird, desto langweiliger werden Musks Routinen. Wenn er wirklich mehr Autos in Europa verkaufen will, gibt es viel einfachere Möglichkeiten, dies zu tun, als eine weitere Fabrik zu bauen, die der Kontinent nicht braucht. 

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