“Der ‘ORF-Player’ ist unser zentrales Innovationsprojekt der kommenden Jahre”

ORF-General Alexander Wrabetz im LEADERSNET-Interview über Wünsche an die Politik, Zukunftspläne, falsche Entscheidungen und Meilensteine der vergangenen Jahre.

Seit mehr als 13 Jahren steht Alexander Wrabetz an der Spitze des ORF. LEADERSNET hat den Generaldirektor des öffentlich-rechtlichen Medienunternehmens zum Interview getroffen und sich mit ihm über die Konkurrenz durch Streamingplattformen, warum Soziale Medien Mittel zum Zweck sind, wie gewichtig die Meinung der Politik ist und warum österreichischer Content “spielentscheidend” ist.

LEADERSNET: Das Fernsehen ist dank der Digitalisierung einem massiven Wandel unterworfen. Welchen Stellenwert wird lineares TV in zehn Jahren haben?

Wrabetz: Lineares Fernsehen ist die dominierende Form des Medienkonsums und wird das mittelfristig auch bleiben. Die Nutzungszeit steigt seit Jahren kontinuierlich. Aktuell sehen die Österreicherinnen und Österreicher durchschnittlich rund 190 Minuten am Tag fern. Aber der Medienkonsum verändert sich, vor allem das junge Publikum nutzt Bewegtbild zunehmend mobil und zeitversetzt. Dieser Entwicklung müssen sich alle klassischen Broadcaster stellen.

LEADERSNET: Streamingplattformen wie Spotify oder Amazon Prime haben in den vergangenen Jahren massiv an Relevanz gewonnen. Wie kann man sich als öffentlich rechtlicher Sender sowohl technisch als auch inhaltlich gegen diese Konkurrenz behaupten?

Wrabetz: Der ORF muss mit seinen öffentlich-rechtlichen Programmangeboten dort präsent sein, wo sie das Publikum sucht. Alles andere wäre ja absurd. Also müssen wir uns, neben unseren linearen Angeboten in Fernsehen und Radio, auch darum bemühen, im Streaming-Bereich bestmöglich präsent zu sein. Dies gelingt uns mit der TVthek sehr gut, die mit 1,7 Millionen Userinnen und Usern pro Monat die mit Abstand meistgenutzte österreichische Mediathek ist.

LEADERSNET: Viele Jugendliche besitzen weder Auto noch Fernseher. Wie wird dieser neuen Art des Lebens von Seiten des ORF Rechnung getragen?

Wrabetz: Ja, in dem wir nun den nächsten Schritt gehen: Der ORF-Player, unser zentrales Innovationsprojekt der kommenden Monate und Jahre, wird die ORF-Kanäle für die Streamingnutzung bündeln und um neue Angebote anreichern. Allerdings sind die rechtlichen Möglichkeiten im ORF-Gesetz veraltet und müssen weiterentwickelt werden. Nahezu alle Fachleute bestätigen, dass der ORF online mehr Gestaltungsspielraum benötigt. Der ORF muss vom reinen Broadcaster zum Plattformunternehmen werden.

LEADERSNET: Inwieweit ist es vonnöten, dass der ORF auch Social Media Kanäle bespielen kann, darf und soll?

Wrabetz: Social Media Kanäle sind für den ORF Mittel zum Zweck. Wir nutzen sie, um die Nutzerinnen und Nutzer auf unsere Inhalte aufmerksam zu machen und so Reichweite für unsere Hauptprogramme zu generieren.

LEADERSNET: Wie wichtig sind österreichische Eigenproduktionen, um Seher zu binden?

Wrabetz: Eigenproduktion, also möglichst viel österreichischer Content, ist spielentscheidend und zwar in allen Programmbereichen – von der Information, über die Kultur, den Sport und die Unterhaltung bis hin zu österreichischen Filmen, Serien und Dokumentationen und natürlich den Programmen unserer Landesstudios. Österreichischer Content ist die Kernaufgabe des ORF und wir bemühen uns, in diesem Bereich soviel wie möglich zu produzieren bzw. zu beauftragen. In der Prime Time erreichen wir einen Anteil von fast 80 Prozent an Sendungen mit Österreich-Bezug. Außerdem ist der ORF der mit Abstand der größte Auftraggeber der heimischen Film- und TV-Wirtschaft.

LEADERSNET: Die gescheiterte türkis-blaue Regierung hatte eine Reform des ORF geplant, die schlussendlich nicht umgesetzt wurde. Welche Wünsche für den ORF haben Sie an die zukünftige Regierung und was sollte unbedingt vermieden werden?

Wrabetz: Zur Stärkung des heimischen Medienmarktes brauchen wir erstens bessere Möglichkeiten für eine Kooperation der heimischen Medien im Wettbewerb mit Google, Facebook und Co. und zweitens eine steuerliche Gleichbehandlung dieser Netzkonzerne. Drittens sollten die rechtlichen Möglichkeiten des ORF im Online-Bereich weiterentwickelt werden, damit er seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag auch im Digitalzeitalter bestmöglich erfüllen kann. Es ist niemandem zu erklären, warum mit Programmentgelt finanzierte Inhalte nach sieben Tagen aus der TVthek verschwinden müssen oder warum der ORF jeden Clip, den er online bereitstellt, vorher in einem linearen Programm ausgestrahlt haben muss.

LEADERSNET: Könnte der ORF bei einer Gleichstellung mit den Privatsendern von den Werbeeinnahmen wirtschaftlich überleben?

Wrabetz: Nein. Der ORF hat einen umfangreichen gesetzlichen Auftrag und finanziert sich verkürzt gesagt zu rund zwei Dritteln aus dem Programmentgelt, zu einem Drittel aus Werbeerträgen und sonstigen Erlösen. Da dieser umfangreiche gesetzliche Auftrag auf dem kleinen heimischen Medienmarkt eben nicht zur Gänze aus dem Programmentgelt finanziert werden kann, hat der Gesetzgeber dem ORF sehr eingeschränkt das Recht eingeräumt, auch Werbeerträge zu lukrieren. Diese Finanzierungsform ist auch auf europäischer Ebene geprüft und außer Streit gestellt.

LEADERSNET: Sie sind seit 13 Jahren Generaldirektor des ORF. Was sind aus Ihrer Sicht die Meilensteine der Ära Wrabetz, welche Pläne haben Sie noch und wie lange können Sie sich vorstellen noch ORF-Chef zu bleiben?

Wrabetz: Keine einfache Frage, wir haben so viel weitergebracht in den vergangenen Jahren: Aber aus Publikumssicht betrachtet würde ich hier den Launch von ORF III, unsere zahlreichen Programminitiativen in Information, Kultur, Sport und Unterhaltung und in der Regionalisierung nennen. Und natürlich den schon angesprochenen ORF-Player, unser nächstes großes Innovationsprojekt. Für das Publikum nicht sichtbar, aber wichtig für die strukturelle und organisatorische Weiterentwicklung des ORF, ist die Konsolidierung der Wiener ORF-Standorte im ORF-Zentrum und dessen Ausbau zum ORF-Campus.

LEADERSNET: Welche Entscheidung würden Sie heute nicht mehr so treffen?

Wrabetz: Unter den tausenden Entscheidungen, die ich als Generaldirektor getroffen habe, sind natürlich auch welche, die man im Nachhinein betrachtet anders treffen würde. Es sind aber nicht viele … (lacht).

LEADERSNET: Wird Ihre Arbeit im ORF von der Politik Ihrer Meinung nach ausreichend gewürdigt?

Wrabetz: Das ist für mich nicht das Kriterium. Entscheidend ist, dass 87,4 Prozent aller Österreicherinnen und Österreicher täglich die Angebote des ORF in Radio, Fernsehen und Online nutzen. Das ist ein auch im internationalen Vergleich sehr hoher Wert und Ausdruck des großen Vertrauens, das das Publikum dem ORF entgegenbringt – bei aller Kritik, die es natürlich auch gibt.

www.orf.at

 

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