„Kampfansage“: Amazon baut KI-Forschung in Deutschland aus — und schnappt BMW, Bosch und Co. die Talente weg

Amazon investiert künftig noch stärker in seine KI-Abteilung in Deutschland.

  • Amazon will seine Mitarbeiterzahl am KI-Zentrum in Tübingen verdreifachen.
  • Das ist eine Kampfansage an deutsche Konzerne, sagt Experte Stefan Heumann.
  • US-Konzerne betreiben eine neue Form des „Braindrain“ in Europa und der Bundesrepublik.
  • Mehr Artikel von Business Insider findet ihr hier.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier wird nicht müde, bei Zusammenkünften mit Journalisten oder Wirtschaftsvertretern zu erklären, dass die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland vor allem von einer Kerntechnologie abhängt: der Künstlichen Intelligenz.

Wer in diesem Feld nicht an der Spitze mitspielt, wird schneller abgehängt, als ihm lieb ist, pflegt Altmaier zu sagen. Aus diesem Grund nimmt der Minister viel Geld in die Hand, um die Forschung an Künstlicher Intelligenz in Deutschland zu fördern.

Die Erkenntnis um die Relevanz der neuartigen Technologie ist im Wirtschaftsministerium und in der Bundesregierung aber noch relativ jung. Auch deutsche Unternehmen, selbst DAX-Konzerne, brauchten lange, um Künstliche Intelligenz als das zu begreifen, was sie ist: der Schlüssel in die Zukunft.

Für Amazon, Facebook, Google & Co. ist Deutschland ein riesiger Talentpool

Die Konkurrenten aus den USA haben das registriert und die Gunst der Stunde genutzt. Europa und Deutschland, das ist für Amazon, Facebook oder Google ein riesiger Talentpool, aus dem sie sich fleißig bedienen. Sie investieren seit Jahren viel Geld und Mühe, um hierzulande KI-Experten für sich zu gewinnen. 

„Talent ist eine der wichtigsten Ressourcen, um kompetitive KI-Technologie hervorzubringen“, sagt Philippe Plorenz, KI-Experte von der Stiftung Neue Verantwortung.

Sein Kollege Stefan Heumann pflichtet ihm bei: „US-Konzerne sind uns Jahre voraus. Amazon hat beispielsweise jetzt schon eine kritische Masse an deutschen KI-Experten verpflichten können. Der Chef des gesamten KI-Bereichs bei Amazon war sogar ein Deutscher, Ralf Herbich.“ Diese Experten haben jetzt schon wegweisende Arbeit geleistet. Amazons Vorzeigeprojekt, der Smart Speaker „Alexa“, wurde nicht etwa in Seattle oder im Silicon Valley entwickelt, sondern von KI-Experten in Deutschland, Polen und den Niederlanden.

Es geht auch um Geopolitik

Die Strategie von Amazon sei auch Geopolitik, sagt Heumann. „Die Visaverschärfung in den USA, die Präsident Donald Trump eingeführt hat, hat es den amerikanischen Tech-Riesen enorm erschwert, junge Talente aus Europa ins Valley zu locken. Deswegen drehen sie den Spieß jetzt um und kommen zunehmend in die EU, gründen hier ihre Forschungszentren und bauen sie aus. Googles ,Deepmind’-Zentrum in London und Facebooks Ankündigungen in Paris in Forschung zu investieren belegen das. Microsoft und Apple sind hier auch aktiv.“

Amazon betreibt in Tübigen ein großes KI-Forschungszentrum und hat vergangene Woche bekannt gegeben, es noch deutlich ausbauen zu wollen. Der US-Konzern kooperiert dort mit dem Max-Planck-Institut und der Universität Tübingen, die in Deutschland und Europa führend ist in der Forschung zu Künstlichen Intelligenz. Das Projekt in Tübingen heißt „Cybervalley“, einige deutsche Unternehmen wie Daimler sind dort ebenfalls aktiv. 

Bisher arbeiten an dem Standort dreißig Experten für den US-Konzern. Jetzt plant Amazon die Mitarbeiterzahl zu verdreifachen. Der Grund: Der Konzern will das Feld der „Kausalität“ viel stärker ausleuchten. Was heißt das? Ein Beispiel: In Haushalten, die Spülmaschinen benutzen, treten bei Kindern häufiger Allergien auf, als in Haushalten, in denen man Geschirr per Hand abwäscht.

Das ist ein unerwarteter Zusammenhang. Amazon interessiert sich aber genau dafür, um den Betroffenen in Zukunft maßgeschneiderte Produktempfehlungen machen zu können — sich beispielsweise statt der Spülmaschine ein geeignetes Reinigungsset zu kaufen, erfuhr Business Insider von Mitarbeitern des Unternehmens.

Bis das allerdings möglich sein wird, wird noch Zeit vergehen, betonten die Mitarbeiter. Das Prinzip der Kausalität und der kommerzielle Nutzen sind zwar denkbar simpel, das Erforschen hingegen nicht, denn irgendwann wird es bei der Berechnung der Kausalitäten sehr mathematisch.

Google und Amazon betreiben eine neue Form von „Braindrain“

„Amazons KI-Zentrum in Tübingen ist eine Kampfansage an Bosch, Daimler, BMW & Co. Der US-Konzern will die heimischen KI-Talente abwerben, von denen es hier wirklich viele gibt“, sagt Heumann.

Das, was der US-Konzern betreibe, sei im Prinzip eine neue Form des „Braindrain“. Früher wurden junge Talente ins Ausland abgeworben. Heute ist es anders: „Die Talente bleiben, genießen alle Vorteile, die der europäische- und deutsche Wohlfahrtstaat zu bieten hat, arbeiten aber gleichzeitig in einem Topjob bei den größten Tech-Konzernen der Welt, die aus den USA kommen“, sagt Heumann.

Bisher gibt es dazu in Deutschland schlicht zu wenig wettbewerbsfähige Alternativen, sowohl in der Wissenschaft, wie auch auf dem freien Markt. In den USA kann man sich als Wissenschaftler am MIT oder in Stanford im Anschluss an die Promotion unmittelbar auf eine Professur bewerben. Das ist in Deutschland nach wie vor unüblich. „Die Juniorprofessur ist bisher leider nur ein halbherziger Versuch, die Karrieremöglichkeiten an den Universitäten für den Nachwuchs attraktiver zu machen“, sagt Heumann.

Und der freie Markt? Unternehmen wie Bosch haben das Potenzial von Künstlicher Intelligenz früh erkannt und viel in ihre Entwicklungsabteilungen investiert. Die Zahl dieser deutschen Unternehmen ist aber überschaubar. Konzerne wie Daimler und BMW müssten noch sehr viel an Boden gutmachen, um zu ihren US-Mitbewerbern in diesem Feld aufzuschließen. Und vor allem noch die Strukturen dafür schaffen.  

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