“Nachhaltigkeit ist kein Geschäftsmodell”

FMVÖ Financial Forum lud Vertreter von NGOs und Finanzunternehmen zur Diskussion um soziale Verantwortung in der Branche.Beim Financial Forum des Finanz-Marketing Verband Österreich (FMVÖ) am Montagabend gingen Vertreter von NGOs und Finanzunternehmen der Frage nach, ob Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung in der Finanzbranche ein echtes Differenzierungsmerkmal oder nur einen grünen Anstrich darstellen. In den Räumlichkeiten der Zürich Versicherung in Wien diskutierten Monika Bäumel von derVolksbank Wien, Peter Eitzenberger von der VBV, Laurenz Faber von Fridays for Future, Fritz Fessler von der Genossenschaft für Gemeinwohl, Lisa Simon vom WWF und die Gastgeberin Andrea Stürmer von der Zürich Versicherung.

In seiner Begrüßung zur Kick-off Veranstaltung für den FMVÖ-Jahresschwerpunkt “Verantwortung in der Finanzbranche” betonte FMVÖ-Präsident Erich Mayer, dass es sich der Verband in diesem Jahr zur Aufgabe gemacht habe, dem Thema mehr Nachdruck zu verleihen. Deshalb ist in der Umfrage zum FMVÖ-Recommender 2020 auch ein eigener Fragenkomplex enthalten, wie diese nachhaltige und soziale Verantwortung von Bank- und Versicherungskunden wahrgenommen wird. Der Moderator des Abends, FMVÖ-Vorstand Werner Schediwy, erläuterte in seiner Einleitung, dass Retailbanken und Versicherungen einen großen Einfluss auf die Verwendung von Geld haben – denn durch ihre Veranlagungskriterien und Kreditbedingungen würden sie die Entwicklung und Nachhaltigkeitswirkung unterschiedlicher Branchen beeinflussen.

Geld bewegt Klimaschutz

Dies wurde auch in der nachfolgenden Keynote von Lisa Simon aus der Teamleitung Klimaschutz und Finanzmarkt beim WWF thematisiert. Der WWF hat 2018/2019 ein Rating der zehn umsatzstärksten österreichischen Banken durchgeführt und kam zu dem Ergebnis, dass der österreichische Markt sehr am Anfang stehe, was eine systematische Integration von Nachhaltigkeitskriterien betreffe. ” Es geht nicht um kleine Stellschrauben sondern vielmehr um große Strategien, die umgesetzt werden müssen. Ökologische und soziale Standards müssten im Kerngeschäft integriert werden”, so das Fazit von Simon.

Die anschließende Podiumsdiskussion eröffnete Werner Schediwy mit der provokanten Frage an Lisa Simon, ob Österreichs Banken und Versicherungen nur deshalb durchschnittlich seien, weil entweder ein Mehr an Aktivitäten nicht unbedingt erfolgreicher macht – oder weil angesichts des niedrigen Niveaus der Aktivitäten der Finanzinstitute nicht viel für eine Differenzierung am Markt gemacht werden müsse? “Die Finanzindustrie nützt ihre große Marktmacht immer noch viel zu wenig für klima- und umweltfreundliche Investitionen. Geld treibt die Klimakrise an – oder eben den Klimaschutz. Daher müssen ‚grüne’ Finanzprodukte von der Nische ins Kerngeschäft, um einen wirksamen Beitrag zum Pariser Klimaschutzabkommen und zum Schutz der Biodiversität zu leisten”, so die WWF Finanzexpertin.

Nachhaltigkeit im Fokus

Volksbank-Kommunikationsleiterin Monika Bäumel betonte, dass nachhaltiges Wirtschaften durch die Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten noch weiter in den Fokus der Volksbank gerückt sei. Als junger Konsument und Aktivist teilte Fridays for Future-Komiteemitglied Laurenz Faber seine Sichtweise mit dem Publikum: “Mir ist schon aufgefallen, dass sich im Finanzsektor immer mehr Unternehmen Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreiben. Diese Imagekampagnen betrachte ich aber immer kritisch, denn die größten Kapitalverwalter der Welt schlagen immer noch Profit aus fossilen Energieträgern, ohne die katastrophalen Auswirkungen der fortschreitenden Klimakrise zu berücksichtigen.” Umso wichtiger sei es seiner Meinung nach, dass mutige Banken und Versicherungen voranschreiten und ihren Konkurrenten zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg und moralisches Rückgrat nicht unvereinbar seien. Fridays for Future fordere von allen Kapitalverwaltern der Welt schrittweises Divestment aus allen fossilen Projekten und mit sofortiger Wirkung das Ende aller Investments in neue fossile Explorationsprojekte. “An der Umsetzung dieser Forderungen messen wir die Finanzkonzerne”, betonte Faber.

Mit Veranlagung Statements setzen

Auch im Versicherungsbereich sind Nachhaltigkeit und soziales Engagement keine Nischenthemen mehr. “Der Klimawandel geht uns alle an, denn wir steuern auf einen Notstand des Planeten zu. Jeder muss daher einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, auch die Versicherer. Wir als Zurich tun viel. So ist beispielsweise die Zürich Gruppe seit 2014 weltweit CO2-neutral und hier in Österreich beziehen wir unseren Strom zu 100 Prozent aus erneuerbarer Energie. Wir nehmen unsere Verantwortung für unseren Planeten also aktiv in die Hand”, erläuterte Zürich Versicherungs-AG CEO Andrea Stürmer.

Ob es angesichts dieser Beispiele überhaupt noch eine eigene Genossenschaft für Gemeinwohl brauche, wollte Werner Schediwy von Fritz Fessler, Vorstand der Genossenschaft für Gemeinwohl, wissen. Laut Fessler seien Genossenschaften nach der Philosophie “Hilfe zur Selbsthilfe” gegründet worden, allerdings sei dieser Gedanke zum Teil verlorengegangen. Genau dort setze man mit dem zusammen mit dem Umweltcenter der Raiffeisenbank Gunskirchen ins Leben gerufene Produkt an: “Das erste Gemeinwohlkonto Österreichs ist ein vollwertiges Girokonto bei dem das Guthaben Gutes tut. Kundinnen und Kunden haben eine geprüfte Garantie, dass in derselben Höhe ihrer Guthaben die Bank ökologische und soziale Finanzierungen in der Realwirtschaft tätigt. Mehr Transparenz und sinnstiftende Geldverwendung ist für immer mehr Menschen ein Thema.”

Kerngeschäft als “Lackmusstest”

Wie Peter Eitzenberger von der VBV erläuterte, ist der Kernpunkt der Klimaerwärmung der exorbitante CO2-Ausstoß. Wenn es gelingt, diesen als Messgröße in der Veranlagung zu verankern, kann man daraus ableiten, ob das eigene Investment schädlich für den Klimawandel ist oder gegengesteuert. Die VBV erziele hier laufend Erfolge. “Man kann mit der Veranlagung ein Statement setzen. Die Zeit, in der Unternehmen nur Shareholder-Wünsche erfüllt haben, ist angesichts der aktuellen Lage des Planeten definitiv vorbei”, so Eitzenberger. Die VBV habe es als eine im Jahr 2002 gegründete Vorsorgekasse allerdings etwas leichter gehabt als Traditionsunternehmen. Man sei mit der Philosophie gestartet, nachhaltig zu investieren. Ein Ethikbeirat habe festgelegt, wohin die VBV will und so habe man in der Veranlagung Faktoren wie beispielsweise Atomenergie, Staaten mit Todesstrafe, Spekulationen mit Lebensmitteln und ebenso Investment in Kohle ausgeschlossen. “Umweltmanagement und Klimaneutralität im Büro sind zwar ein erster Schritt, der Lackmusstest ist aber das Kerngeschäft!”, betonte Eitzenberger.

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, dass Nachhaltigkeit kein Geschäftsmodell ist, sondern dass sie aus Verantwortung betrieben werden muss. Der Finanzmarkt verfügt dabei über einen besonderen Hebel, da darüber ein Großteil der weltweiten Geldflüsse bewegt wird. Allerdings müsse sich viel mehr bewegen, damit die Ziele erreicht werden können. Es braucht ein mutiges Voranschreiten als Zeichen für die Politik und Wahlmöglichkeit für den Kunden. Jeder Einzelne kann dabei ein Katalysator sein, um den Schneeball ins Rollen zu bringen.

Eindrücke vom FMVÖ Financial Forum zum Thema Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung in der Finanzbranche finden Sie in unserer Fotogalerie. (red)

www.fm.or.at

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