“Ein guter Unternehmer und Manager schafft Strukturen, die ohne ihn funktionieren”

Lukas Hetzendorfer erzählt im LEADERSNET-Interview, was wir uns von Google, Facebook & Co. abschauen können, wie Home Office funktioniert und warum eine gute Digital-Infrastruktur fürs Business so wichtig ist wie der Schiedsrichter beim Fußball.Die Coronakrise hält die Welt in ihrem Bann, die Ausgangssperre viele von uns im Home-Office. Manche Unternehmen sind darauf besser vorbereitet als andere und generell werden gerade viele Unternehmenskonzepte in ihren Grundfesten erschüttert und auf eine Zerreißprobe gestellt: strukturell, finanziell und personell. Es ist eine neue Zeit angebrochen, in der Introspektion und Krisen-Controlling zum Gebot der Stunde geworden sind. Unternehmen müssen agil handeln, um es ans andere Ufer und in die Zeit “danach” zu schaffen.

Lukas Hetzendorfer ist Business-Consultant, Speaker und Millennial-Coach und erzählt im LEADERSNET-Exklusivinterview, was sich Unternehmen in gerade in der aktuellen, herausfordernden Situation von den großen Tech-Giganten wie Google, Facebook & Co. abschauen können, wie und warum die Coronakrise eine große Chance sein kann, die Teams zusammenschweißt, wie hocheffizientes Home Office funktioniert und warum eine gute Digital-Infrastruktur für Unternehmen so wichtig ist, wie der Schiedsrichter beim Fußball.

LEADERSNET: Lieber Lukas, nach einiger Zeit im Ausland bist du erst seit kurzem wieder in Österreich, frisch selbstständig und von einem Tag auf den anderen ist die Unternehmenswelt durch Corona eine andere. Welche Key Learnings nimmst du aus deinen bisherigen beruflichen Stationen mit und wie stärken sie dein Business jetzt?

L. Hetzendorfer: Meine drei großen beruflichen Stationen haben mich in große Unternehmen geführt, und auf vieles vorbereitet: bei MediaCom habe ich das Kommunikations-Handwerk von der Pieke auf gelernt und bin dafür sehr dankbar. Diese international bestens aufgestellte Agentur hat mir gezeigt, wie spannend und dynamisch die Medienbranche ist. Die Zeit, die ich für meinen MBA in Singapur verbracht habe, hat mir dann noch einmal mehr verdeutlicht, dass und warum Asien unbestritten der dominierende Kontinent des 21. Jahrhunderts ist. Die Vertiefung in Human Resources hat meine Perspektive für den Wert von Humankapital massiv geöffnet. T-Mobile Wien war dann extrem interessant und vielseitig: seitdem sehe ich mein Smartphone und das Telefonieren ganz anders, denn jetzt weiß ich, wie viel beeindruckende Technik notwendig ist, damit zwei Telefone in Echtzeit miteinander kommunizieren können – und wie viel Potenzial, aber auch Aufwand im Thema “Big Data” liegt, das initial mehr Probleme bereitet, als es löst. Viel Demut empfinde ich für meine Zeit bei Google, definitiv das Highlight meiner Karriere: die Einblicke in dieses epochale Unternehmen waren unglaublich spannend. Dort habe ich aus erster Hand erfahren dürfen, wie visionär man ein Unternehmen und die Belegschaft führen kann und muss. Gerade in der Krise laufen die Tech Companies wie Google oder Facebook zur Höchstform auf. In Summe hat mir wahrscheinlich meine Neugier, kombiniert mit einer Portion Glück diese ganzen Möglichkeiten eröffnet. Mein Wissensdurst und meine hohe Eigenmotivation, gepaart mit dem internationalen Skillset sind es jetzt auch, die mich trotz Krise optimistisch in die Zukunft blicken lassen.

LEADERSNET: Was können sich nun österreichische Unternehmern deiner Meinung und Erfahrung nach von diesen Big Playern nun abschauen?

L. Hetzendorfer: Die großen Tech Companies wie Google, Facebook oder Amazon zeigen uns in vielen Bereichen vor, wie neue Arbeitswelten erfolgreich funktionieren können. Und auch in unserer aktuellen Situation finde ich, dass sie mit einem der besten Beispiele vorangehen, wie man Homeoffice und den “new way of working” umsetzen kann – schließlich wird genau diese Arbeitsweise dort schon seit jeher praktiziert. Das beginnt bereits bei den “Basics”: jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter hat die neueste Hardware, sämtliche Dokumente sind in der Cloud gespeichert, und fixe Arbeitszeiten gibt es in dieser Form nicht. Das verschafft diesen Unternehmen nicht nur in Ausnahmesituationen wie diesen einen großen Vorteil, jetzt aber natürlich besonders.

Das Senior Leadership schaltet sich bei derartigen Krisen sofort ein, um von Anfang an und zu jedem Zeitpunkt den Austausch aller Unternehmensebenen miteinander sicherzustellen. Offene und transparente Kommunikation ist eines der wertvollsten und stärksten Tools, die eine Company für sich nutzen kann – auch in Nicht-Krisenzeiten.

LEADERSNET: Welche konkreten Maßnahmen bzw. Best Practices fürs Home-Office kannst du unseren Lesern zur direkten Umsetzung mitgeben?

L.Hetzendorfer: Als konkretes Best Practice, das wir in uns in diesen Wochen nun abschauen können, macht es beispielsweise Sinn, jeden Tag in der Früh ein gemeinsames Videotelefonat mit dem Team zu machen: das dient einerseits dazu, den Tag auch im Home Office mit Struktur zu starten, andererseits aber auch dazu, die Bindung untereinander zu stärken. Jede Minute, die ein Team gemeinsam verbringt und sich über aktuelle Herausforderungen austauscht – auch privater Natur! – , ist eine gut investierte Minute. Auch die Geschäftsführung  bzw. das Senior Leadership – muss sich täglich einschalten und Präsenz zeigen, um ein Gefühl der Zugehörigkeit und Sicherheit zu schaffen. Es ist auch wichtig für die Belegschaft zu sehen, dass hinter dem “Chef” nur ein Mensch steht, der auch vor privaten Herausforderungen steht. Das macht angreifbar. Sollte ein Unternehmen noch über keine Cloud-Lösungen verfügen, ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, um aktiv zu werden. Meine Präferenz hierfür ist natürlich die Google G-Suite.

Gerade in der Ausnahmesituation mit den Ausgangssperren ist es wichtig, Kommunikation aufrechtzuerhalten und gewohnte Routinen – sofern sie einem gute Dienste geleistet haben – beizubehalten bzw. neue Gewohnheiten zu schaffen. Routine gibt Halt. Wir wissen nicht, wie lange diese Situation anhalten wird und darum ist es umso wichtiger, auch in Isolation gewisse Säulen, auf die sich der Arbeitsalltag stützt, aufrechtzuerhalten.

Ein paar meiner Best Practices sind zum Beispiel, dass ich mich jeden Tag bewusst schicker anziehe, als an einem herkömmlichen Büro-Tag. In meinem Fall also immer mit Sakko. Ebenfalls starte ich jeden Morgen mit einem “feel-good-call” an meine Partner, damit ich mit einer angenehmen Konversation in den Tag starte. Das hebt sofort den Endorphin-Level im Gehirn. Erst danach checke ich meine Emails.

Für Videokonferenzen nutze ich eine Lampe, die mich von vorne beleuchtet. Dadurch ist die optische Qualität deutlich gesteigert und es sieht professioneller aus.

Da ich besonders viel Bewegung brauche, habe ich mir auch einen Mini-Heimtrainer besorgt, den ich ganz einfach unter dem Arbeitstisch aufstellen kann. Den nutze ich seit letzter Woche täglich. Abgesehen davon, dass es meinen Drang nach Bewegung stillt, merke ich, dass ich durchs Radeln beim Arbeiten gleich viel besser denken kann, da der kognitive Denk-Prozess in der Bewegung nachweislich am besten funktioniert.

Toll ist auch eine handgeschrieben To-Do-Liste, mit Dingen, die heute gemacht werden. Es ist durch Studien belegt, dass  das manuelle Schreiben die Merkfähigkeit unseres Gehirns steigert, und die Tasks werden im direkten Vergleich mit einer elektronischen Lösung um 30 Prozent wahrscheinlicher erledigt.

Lukas Hetzendorfer bei der MediaCon der FH St.Pölten im Februar 2019 © leadersnet.at / D. Mikkelsen

LEADERSNET: Unser Leben hat sich quasi über Nacht komplett verändert, die digitale Welt verbindet und jetzt mehr denn je. Welche Trends treten hier jetzt auf bzw. noch stärker hervor, was wird noch wichtiger werden?

L. Hetzendorfer: Ich sehe drei große Digital-Trends, von denen unsere Gesellschaft nachhaltig profitieren wird, und die jetzt beschleunigt werden: der Bildungsbereich nutzt mehr digitale Möglichkeiten, die älteren Bevölkerungsgruppen beschäftigen sich mehr neuen Technologien, wodurch der “digital divide” entschärft wird, und die Unternehmen müssen sich mehr auf moderne Techniken der Unternehmenskultur einlassen. Es darf einfach nicht sein, dass eine schlechte IT- und Digital-Infrastruktur die Wertschöpfung eines Unternehmens behindert, was leider am österreichischen Markt noch überproportional häufig auftritt. Eine moderne Hardware und IT-Landschaft ist wie ein guter Schiedsrichter beim Fussball: Das Spiel läuft konfliktfrei, und man merkt die Präsenz des Schiris gar nicht. Ärger mit der Hardware oder mit Tools kosten Energie und Zeit, also Geld.

LEADERSNET: Wie können wir der derzeitigen Situation auch etwas Positives abgewinnen, woraus können Unternehmen jetzt Kraft schöpfen?

Natürlich gibt es sehr viele schlechte Folgen quer durch die ganze Gesellschaft, das ist unumstritten. Positiv zu bewerten sind neben den oben genannten Digital-Trends aber auch die scheinbare Entschleunigung und das vermehrte “Im-Moment-Leben”, das die Basis von Strömungen wie Yoga, Mindfulness oder Meditation ist. Ganz zu schweigen vom Umweltschutz.

Es besteht auch eine große Chance, die Unternehmenskultur zu “challengen”, da schlechte Management Skills neu überdacht werden müssen. Micro-Management ist beispielsweise nicht mehr möglich, und man muss sich mehr auf sein Team verlassen können. Das ist positiv, da Empowerment und Freiheit sehr hoch in der Werte-Skala der Mitarbeiter stehen. Im selben Atemzug muss man aber auch über Ziele nachdenken, und den Mitarbeitern eine klare Orientierung und Erwartungshaltung geben. Auch hier darf ich auf die Tech Companies referenzieren: jeder Mitarbeiter hat kurzfristige und langfristige Ziele, die geliefert werden sollten. Von wo das erledigt wird, oder wie kurz die Mitarbeiter hierfür im Büro sind, ist irrelevant. Wichtig ist Output, nicht der Input.

Ebenfalls bietet sich die Chance, Projekte und Themen anzugehen, die sonst liegen bleiben. Eine Krise kann und wird das Team zusammenschweißen. Das ist eine große Chance.

LEADERSNET: Was würdest du Unternehmen raten, die sich jetzt mit Auftrags-Stornos und Zahlungsausfällen konfrontiert sehen?

L. Hetzendorfer: Jetzt geht es um Krisen-Controlling – also Rechnen, rechnen, rechnen. Gerade jetzt muss man wissen, wie sich die Unsicherheit auf das Business auswirkt. Also ganz einfach: wann hat man wie viel Cash zur Verfügung? Wie wirken sich jetzige Maßnahmen in zwei, drei, vier Monaten aus? Auch das analysiere ich mich meinen Kunden und Partnern. Gerade im KMU-Bereich wird Controlling zu wenig gemacht, und jetzt ist die Zeit, sich eine hohe Expertise anzueignen – falls notwendig auch mit externem Know-How. Eine meiner Mentorinnen aus Google-Zeiten hat mir einmal etwas sehr Kluges mit auf den Weg gegeben: “Jedes Unternehmen soll nur das machen, was es am besten kann. Den Rest muss man outsourcen”.

Wichtig sind auch die Introspektion und eine steigernde Wahrnehmung auf interne Themen. Wie geht es meinen Mitarbeitern? Was brauchen sie, um erfolgreich zu sein? Ein guter Unternehmer und Manager schafft Strukturen, die ohne ihn funktionieren. Das zeigt sich jetzt deutlicher denn je.

Ich kann hier ein Webinar empfehlen: “Krisen-Management für CMOs und Agenturen“, wo die wichtigsten Punkte sukzessive beleuchtet werden. Eine tolle Business-Partnerin von mir, Simone Lafargue von Amaze Growth, organisiert das, und ich freue mich, dass ich dabei unterstützen darf.

LEADERSNET: Was sind die Dos and Don’ts für Unternehmen in Krisenzeiten auf ihre Brand als Arbeitgeber bezogen? Worauf muss man gerade jetzt in der Kommunikation – intern wie extern – besonders achten?

Intern ist es unerlässlich, dass die “ranghöchsten Offiziere” tägliche Präsenz zeigen und sich in die Kommunikation so gut es geht einschalten. Die Belegschaft muss das Gefühl haben, dass das Leadership engagiert ist und so gut es geht transparent kommuniziert. Das “menschelt”. Tolle Role Models sind hier wie gesagt die Tech Companies, die in der Zeiten der Krise zur Kommunikations-Höchstform auflaufen.

Massive Eingriffe in das Unternehmen, zum Beispiel die Kurzarbeit oder sogar auch Kündigungen werden in der Regel von den Mitarbeitern verstanden, auch wenn es sehr schmerzhaft sein kann. Oberste Devise muss sein, die Belegschaft weiterhin motiviert zu halten, im Einklang mit dem unternehmerischen Erfolg.

LEADERSNET: Wie erlebst du die Krise in deinem persönlichen Business? Wie haben sich die Anforderungen deiner Partner in dieser Zeit nun verändert, welche Fragen beschäftigen Firmen gerade besonders?

L. Hetzendorfer: Mehr denn je geht es um Change Management und um Themen, die in der Flut des Daily Businesses normalerweise untergehen: Konkret sind das zum Beispiel der lange überfällige Website-Relaunch oder Employer Branding. Gerade im Bereich der Unternehmenskultur und Corporate Identity ergeben sich riesige Chancen, da sich in der Krise die Qualitäten des Arbeitgebers herauskristallisieren und die Kultur viel härter auf dem Prüfstand steht.

LEADERSNET: Wie passt du deine Leistungen an die aktuellen Herausforderungen an und wie unterstützt du deine Partner, bzw. welche Hilfestellungen kannst du Unternehmen gerade jetzt bieten?

L. Hetzendorfer: Die aktuelle Situation rund um das Coronavirus erfordert natürlich auch von mir größtmögliche Agilität, und so habe ich das Portfolio meiner Angebote dem Markt angepasst. Dadurch arbeite jetzt mehr in Richtung Corporate Culture und Krisen-Management. Ich konzentriere mich im Moment viel darauf, meine Best Practices in punkto Home Office und Remote Working weiterzugeben, um meinen Partnern dabei zu helfen, ihr Business aufrecht zu erhalten. Dazu kommen Themen, sie sonst gerne liegenbleiben, zum Beispiel eine neue Digitalmarketing-Strategie, ein Website-Relaunch oder auch Positionierungs-Konzepte, in denen es um die zukünftige Ausrichtung des Unternehmens geht.

LEADERSNET: Abschließend noch eine Frage zu deinen “Corona-Plänen”: Was sind deine persönlichen Projekte für die Krise?

L.Hetzendorfer: Ich nehme mir in diesen Wochen jetzt natürlich auch Zeit für Dinge, die ich bislang aus Zeitmangel aufgeschoben habe: ganz oben auf der Liste meiner persönlichen Projekte steht da der Relaunch meiner Website – den schiebe ich schon lange auf (lacht). Da ich mich auch viel mit gesunder Ernährung befasse und mich im Moment vegan ernähre, ist es auch Teil meiner neuen, täglichen To-Do-List, frisch und vegan zu Kochen. Als klassischer Millenial und “High Performer” bin ich auch selbst nicht davor gefeit, es mit dem Workload mal zu übertreiben und mich in all den Dingen, die man jetzt machen könnte, zu verlieren. Darum ist es umso wichtiger, hier einen Ausgleich zu schaffen und mich zu erden.

So befasse ich mich auch sehr intensiv damit, mich viel in “Mindfulness” und Wellbeing zu üben und achte darauf, mehr Achtsamkeit in meinen Alltag einzubringen, beispielsweise durch tägliches Meditieren nach dem Aufstehen. Ich halte am Dienstag auch ein kostenloses Webinar zu dem Thema. Was ich mir in diesem Sinne auch gerade sehr groß auf die Fahnen schreibe, ist das Credo : “stay away from instagram comparison” – gerade jetzt, wo wir noch mehr Zeit vor digitalen und sozialen Medien verbringen, erreicht uns der Vergleich mit anderen umso mehr, und dadurch wächst auch der Druck. So à la: okay, jetzt wo wir durch eine globale Pandemie an unsere eigenen vier Wände gefesselt sind, habe ich keine Ausreden mehr jetzt alles zu tun, was ich mein ganzes Leben schon machen wollte. Ich muss also jeden Tag um sechs Uhr früh Aufstehen und so viel machen: fließend Japanisch lernen, meine Wohnung ausmisten und nach Feng Shui einrichten, 150 Bücher lesen, einen Online-Kurs in Klingonisch machen….Bullshit. Vielleicht tut es jetzt auch gut, “Digital Detoxing” zu betreiben, und dafür eine Stunde pro Tag oder mehr auf analoge Tätigkeiten umzusteigen, wie die Zeitung (in gedruckter Form) oder Bücher lesen. Wir haben jetzt viel mehr Zeit, ja, aber am besten ist sie investiert, wenn wir uns nicht nur etwas “Gutes” tun, von dem wir glauben, dass wir es tun sollten bzw. müssten, sondern wirklich in uns hineinhören, Erwartungen loslassen und Entschleunigung passieren lassen. (rb/lh)

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