In Trumps Schatten bastelt Putin an Allianzen, die Amerika gefährlich werden könnten

ASEAN-Gipfel im Vergleich: 2017 stand Donald Trump im Mittelpunkt, 2018 Wladimir Putin.

Gruppenfotos bei internationalen Gipfeln sind in der Regel eine ziemlich dröge Angelegenheit. Da stellen sich Staats- und Regierungschefs schön der Reihe nach auf, grinsen matt und winken wie schlecht programmierte Roboter. Schöne Bilder entstehen dabei selten. Symbolisch bedeutend sind sie aber durchaus. Jüngstes Beispiel? Das Gruppenfoto vom jährlichen Ostasiengipfel in Singapur diese Woche.

Noch im vergangenen Jahr hatte Donald Trump den prominenten Platz rechts neben dem Gastgeber eingenommen. Doch weil der US-Präsident den Gipfel diesmal sausen ließ, schnappte sich ein anderer den begehrten Posten: Russlands Präsident Wladimir Putin.

Es waren tolle Bilder, die die russische Bevölkerung diese Woche von ihrem Präsidenten zu sehen bekam. Bei seinem ersten Staatsbesuch überhaupt im aufstrebenden Stadtstaat Singapur legte Putin den Grundstein für ein russisches Kulturzentrum, schloss lukrative Deals ab, traf einen asiatischen Staats- und Regierungschef nach dem anderen und winkte dann an der Seite von Singapurs Premier Lee Hsien Loong artig in die Kameras.

Als Putin zurück in die Heimat flog, war seine Botschaft längst über Millionen Bildschirme geflimmert: Auch wenn es mit Europa gerade schlecht laufen mag; im aufstrebenden Asien — im Markt der Zukunft — ist Russland wer. „Putins Asien-Politik ist auch eine Ego-Geschichte“, sagt Russland-Expertin Anastasia Wischnewskaja-Mann von der Freien Universität Berlin im Gespräch mit Business Insider. „Er will zeigen: Wir sind willkommen, wir sind wichtig.“

Putins Asien-Schwenk „aus der Not heraus geboren“

Russland ist ein Nachzügler auf dem asiatischen Schauplatz. Die USA verkündeten schon zu Beginn der Obama-Präsidentschaft, die Region zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Außenpolitik machen zu wollen. China, Indien und Japan sind allein wegen ihrer geografischen Lage und ihrer Wirtschaftskraft gewichtige Akteure.

Putins Russland dagegen wandte sich Asien erst dann verstärkt zu, als sich die Beziehungen zum Westen im Zuge der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2012 und der Krimkrise 2014 rapide verschlechterten. „Putins Asien-Politik ist aus der Not heraus geboren“, sagt Wischnewskaja-Mann. „Dahinter steckt weniger ein groß angelegter Plan, sondern in erster Linie Taktik.“

Jüngere Entwicklungen haben Putin in die Hände gespielt. Viele Staaten in Asien sind in den vergangenen Jahren autoritärer geworden, haben also weniger Skrupel, mit Russlands autoritärem Präsidenten zusammenzuarbeiten. Zudem sind immer weniger Staaten in der Region bereit, ihr Schicksal in die Hände einer einzigen Schutzmacht zu legen. Sie wollen selbständiger Außenpolitik machen. Deshalb können sie dem Konkurrenzkampf zwischen China und Amerika durchaus Positives abgewinnen, solange für sie beide Investitionen herausspringen.

Russland großer Waffenexporteur in Asien

Zuletzt drohen sich die USA gerade selbst zu schwächen. Trumps Amerika-zuerst-Politik sendet widersprüchliche Signale an langjährige US-Verbündete in der Region. Trumps Abwesenheit beim Gipfel der südostasiatischer Staaten, kurz Asean, sowie beim diesen Freitag beginnenden Spitzentreffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft, kurz Apec, in Papua-Neuguinea dürften die Irritationen noch verstärkt haben. Schließlich nahm Trumps Vorgänger Obama fast immer an den Spitzentreffen teil.

Putin hat die Gelegenheit genutzt. Trotz aller Interessenskonflikte haben sich die Beziehungen Russlands zu China in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Ein gemeinsames Riesen-Militärmanöver im September unterstrich, wie eng die beiden Großstaaten und US-Konkurrenten mittlerweile zusammenarbeiten. Chinas Präsident Xi Jinping betonte dann auch, dass die „Freundschaft“ beider Länder „ständig stärker“ werde.

Mit Indien wiederum pflegt Moskau seit Jahrzehnten gute Kontakte. Der Großteil indischer Waffenimporte stammt aus russischer Produktion. Auch mit dem Vietnam macht Moskau gute Geschäfte. Erst 2017 kaufte Hanoi 64 russische T-90S-Panzer. Das stört eher Vietnams großen Nachbarn China als Amerika. Heikler für die USA sind philippinische Pläne, brandneue russische U-Boote zu kaufen. Die Philippinen, eine frühere US-Kolonie, galten bislang als wichtiger Verbündeter Amerikas im Pazifik.

Für USA ist nicht Russland in Asien Hauptkonkurrent

„Der asiatisch-pazifische Raum ist gerade für die russische Rüstungswirtschaft von großer Bedeutung“, erklärt Christian Wipperfürth, Autor des Standardwerks „Russlands Außenpolitik“. „70 Prozent der russischen Waffenexporte gehen dorthin.“ Zudem interessierten sich energiedurstige asiatische Länder zunehmend für russisches Flüssigerdgas. „Bisher beziehen sie das vor allem aus dem Nahen und Mittleren Osten“, sagt der Experte. „Russland wäre für sie da als weiterer Lieferant sehr willkommen.“

Putin hat die Tür nach Asien weit aufgeschlagen. Bisher sind es aber vor allem wirtschaftliche und weniger geopolitische Interessen, die ihn leiten. Aus Konfliktherden, wie dem im Südchinesischen Meer etwa, hält sich Moskau heraus. Doch das könnte sich ändern, wenn Russland weiter an Einfluss gewinnt. Die USA jedenfalls dürften durchaus argwöhnisch beobachten, was Putin in Asien so vorhat. Schließlich hat der Kremlchef bislang kaum eine Gelegenheit ausgenutzt, um sich gegen die ihn verhasste Vorherrschaft Amerikas aufzulehnen.

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Trotz aller Bemühungen, trotz aller geschüttelten Hände und Gruppenfotos bleibt Russland jedoch auf dem asiatischen Schauplatz nur ein Akteur unter mehreren. Wenn US-Strategen etwa diese Tage über die Asien-Strategie ihres Landes reden, dann ist für sie nicht Russland, sondern China der Hauptkonkurrent. Vor Beginn des Apec-Gipfels am Wochenende war es auch nicht Putin, sondern Chinas Präsident Xi Jinping, für den Gastgeber Papua-Neuguinea den roten Teppich ausrollte. Putin sagte seine Teilnahme ab. Gut möglich, dass beim unvermeidlichen Gruppenfoto dann auch nicht Putin-Vertreter Dmitri Medwedew rechts neben dem Gastgeber winken darf, sondern Chinas Xi. Ordnung muss sein.

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